Die andere Seite des Punk

Einen sehr guten Überblick bzw. Rückblick über die Entwicklung der rechtsoffenen Grauzone bzw. der Schnittstelle von vermeintlich „unpolitischen“ Oi“ und der Rechtsrockszene um das Jahr 2000 bietet der folgende Artikel. Er ist leider nach wie vor brandaktuell und zeigt u.a. nochmal, wie wichtig die beiden Protagonisten Willi Wucher und Ulrich „Uhl“ Grossmann für diese Entwicklung waren:

Obwohl es inzwischen zahlreiche politische Bewertungen und Analysen zum Thema ‘RechtsRock’ gibt, beschäftigen sich diese doch überwiegend mit dessen Vernetzung und Infrastruktur. Die Entwicklung zu einem eigenen Kulturverständnis, jenseits eines blossen Musikstils, wird dabei aber lediglich gestreift oder nur unzureichend benannt. Letztendlich werden unter dem mittlerweile geläufigen Begriff ‘RechtsRock’ unterschiedlichste Spielarten der Rockmusik zusammengefaßt, wie z. B. Skinhead-Musik, Punk, Hardcore oder Heavy Metal, wenn sie rechte Inhalte verschiedenster Coleur aufweisen. Allerdings tuschiert der Oberbegriff ‘RechtsRock’ die verschiedenen Stilarten und macht aus ihnen eins, nämlich Neonazi-Musik. Selbst das ansonsten sehr empfehlenswerte antifaschistische Buchprojekt ‘WHITE NOISE’ nimmt keine Unterscheidung vor und kennt nur die Musik neonazistischer Skinheads.

Wichtig ist der Inhalt

Wichtig ist es zu beachten, daß ‘RechtsRock’ durchaus nicht immer nur von rechten Skinheads stammt und dass er mittlerweile in vielen Musikstilen mehr als nur leise rechte Töne gibt. ‘RechtsRock’ sollte deswegen als ein Sammelbegriff für verschiedene Musikstile verwandt werden, deren verbindendes Element rassistische, nationalistische, antisemitische und neonazistische Texte sind. Der Begriff ‘RechtsRock’ ist also keine bestimmte musikalische Stilrichtung, sondern lediglich eine Klassifizierung für den politisch rechten Inhalt der Lieder. Abgesehen von der nur unzureichenden Begrifflichkeit in der öffentlichen und auch antifaschistischen Debatte wird bei der Thematik ‘RechtsRock’ oftmals die Entwicklung eines rechten Lifestyle unterschätzt. Obwohl der allgemeine gesellschaftliche Rechtsruck seit Mitte der 80er Jahre oftmals noch zur Analyse und als Erklärungsmuster für die zunehmende Verbreitung rechter bis neonazistischer Inhalte mit herangezogen wird, unterbleibt es jedoch, die genaue Tragweite dessen zu analysieren. Spätestens seit der ‚Wiedervereinigung‘ sind die Ausmasse durch die täglichen Übergriffe und Pogrome auf MigrantInnen, AusländerInnen, Obdachlose, Linke, Schwule und Lesben, JüdInnen oder wer sonst noch vom toitonischem Mob als ‘unwertes Leben’ erachtet wird ersichtlich. All das verschafft sich Ausdruck im ‘RechtsRock’, der mit seinen rechtskonservativen bis offen neonazistischen Weltbild Feindbilder als auch Wertvorstellungen transportiert und überwiegend bei Jugendlichen und Jung-Erwachsenen Gehör findet.

Musik als beste Möglichkeit rechter Propaganda

Die Musik bietet Rechten die Chance der gezielten Agitation, besser als dies in klassischen politischen Veranstaltungen gemacht werden könnte. Ihnen ist es so möglich, eine wertvolle Vorfeldarbeit zur Rekrutierung von Nachwuchs für die extrem rechten Gruppierungen zu betreiben. Möglich ist dies vor allem dadurch, daß der ‘RechtsRock’ versucht, sich das Image einer sich auflehnenden, rebellierenden Musikform zu verpassen. Der vermeintliche Protest, der in den Liedern formuliert wird und sich provozierend und tabubrechend vom gesellschaftlichem Mainstream abheben soll, beschränkt sich darauf, „für Deutschland zu sein“ und „mal deutlich zu sagen, daß Ausländer raus müssen“. Also eigentlich Inhalte, wie sie an beinahe jedem Stammtisch in Deutschland allsonntäglich proklamiert werden.

Für die organisierten Neonazi-Kader kommt hinzu, daß sie sich mit der Musik nun auch als Existenzgründer betätigen können, sich also gutbürgerlich, jenseits jeglichem rebellenhaften Gehabe, einrichten. Denn ‘RechtsRock’ ist seit Jahren ein lukrativer Markt, auf dem Millionen umgesetzt werden und an dem so mancher gerne mitverdienen möchte.

‚RechtsRock‘ – Von der Entwicklung aus dem Punk und Oi-Punk

Mit der Entwicklung des ‘RechtsRock’ in all seinen Facetten und mit den neonazistischen Skinheads als dessen federführenden Protagonisten ging mehr und mehr die Unterscheidung von dem verloren, wer oder was Skinhead ist und woher die Skinhead-Musik überhaupt kommt. Vergessen wird, daß sich das Skinhead-Spektrum aufteilt in linke Skinheads (Redskins), antirassistische Skins (Sharp-Skins), im Sinne des Skinhead-Kultes traditionsbewußte Glatzen (Trojans), den am Oi-Punk interessierten Kurzhaar-Trägern (Oi-Skins) und die hohlen, rassistischen, antisemitischen, neonazistischen Boneheads. Vergessen und vergessen gemacht wird auch, daß die Musik neonazistischer Boneheads sich zwar aus der Oi-Musik entwickelt hat, aber Oi-Musik nicht schlicht Oi-Musik war, sondern früher als Oi-Punk galt, also als ein Musikstil, der sich im Zuge des Punk entwickelt hat. Manche bezeichneten diese Musik auch als Street-Punk. So wie der Begriff des Oi-Punk heute nur noch als Oi-Musik bezeichnet wird, änderte sich auch dessen inhaltliche Ausgestaltung. Aus dem ehemals aus dem Punkbereich stammenden Begriff ist heute eine Bezeichnung für jene Skinheads geworden, die nicht offen zu einer politischen Richtung stehen. Oi-Skin heißt ‘unpolitischer’ Skinhead sein, heißt „Ficken, saufen, nicht zur Arbeit gehen“! Politik gilt als etwas, das aus dem Skinheadkult rausgehalten werden soll. Jeder habe zwar eine persönliche Meinung zu den Geschehnissen des Alltags, diese ist aber seine persönliche Ansichtssache und hat nichts mit Politik zu tun. Deutlich wird hier, daß politisch sein darauf reduziert wird, für eine bestimmte Partei zu sein bzw. sich eindeutig zu einer politischen Strömung zu bekennen.

Punk-Musik samt ihrer Szene war eine Bewegung, ein musikalischer Underground, für den der ‘do it yourself’-Charakter zentral war, d.h. wenn Du was machen willst, mach es selbst. Für die Musikindustrie der 70er Jahre war Punk jedoch nur ein neuer Verkaufsschlager, den es zu vermarkten galt. Im Underground wurden die Bands bekannt und groß. Viele in der Szene Aktive protegierten die Bands über ihre mailorder, Plattenläden oder Fanzines. Die Bands der ersten Stunde, die so im Underground zu einem Namen gekommen waren, wie die Sex Pistols oder The Clash waren die begehrten Objekte der Industrie und ihre professionelle Vermarktung der Beginn der Kommerzialisierung des Punk.

Die Geburt des ‚RechtsRock‘ aus dem ‚unpolitischen‘ Skinhead-Sound?

Diese subkulturelle Strukturierung oder Organisierung ist heute auch noch in der neonazistischen Skinhead-Szene präsent. Als bedeutendster Vorreiter dieser Entwicklung und heutiger Nutznießer im ‘RechtsRock’-Spektrum dürfte Herbert Egoldt sein, Inhaber des Versands und Vertriebs Rock-o-Rama. Mit den Anfängen des Punk in England 1977 gegründet, führte Egoldt bis in die späten 80er Jahre hinein hauptsächlich Independent-Musik in seinem darauf spezialisierten Schallplattenladen in Köln, zu dem auch der Mailorder gehörte. Schon früh machte sich seine ‘unkonventionelle’ Geschäftsphilosophie bemerkbar. Egoldt eröffnete beispielsweise den Erfolgsweg der Böhsen Onkelz, indem er sie 1984 unter Vertrag nahm und ihre erste Platte groß rausbrachte. Entdeckt hatte er die Band mit der Veröffentlichung von zwei Musikstücken (Hippies und das Lied Religion) auf dem Punk-Sampler Soundtracks für den Untergang des Label Aggressive Rock Produktionen (AGR). Die heutigen langhaarigen Rockstars brüllten damals ihren Hass auf die Langhaarträger ihrer Zeit heraus: „Hippies, Hippies, Hippies – ich hass euch wie die Pest. Hippies, Hippies, Hippies, ich will Euch mal was sagen, ihr seid nur ein Haufen Scheiß, ich kann euch nicht ertragen! OiOiOiOi, immer auf die Schnauze!“ Was heute unglaublich klingt, daß eine extrem rechte Skinhead-Band neben Punkbands wie den Neurotic Arseholes, Normahl oder Sluts auf einem Tonträger erschien, war damals nicht außergewöhlich. So stammte die erste Generation des ‘RechtsRock’ der frühen 80er Jahre vorwiegend aus dem Punk, wie z.B. die englische Band Skrewdriver oder die Schweden von Ultima Thule, die als Punkband unter den Namen Ugly Spots begannen.

Egoldt gelang mit der Vertragsnahme von Skrewdriver für Rock-o-Rama der große Wurf, dem unzählige Größen des ab Mitte der 80er Jahre boomenden ‘RechtsRock’ folgen sollten, wie z.B. die Body Checks, Endstufe, Boots & Braces, Kahlkopf aus Deutschland oder die internationalen Acts wie Brutal Attack, Skullhead oder Bound for Glory. Rock-O-Rama, das mit der Veröffentlichung der stark anti-kommunistischen und mit einem dubiosen Namen versehenden Band Oberste Heeresleitung (OHL) sich den Ruf einen unkonventionellen Independent-Label sicherte, wandelte sich nach und nach zu Europas führendem ‘RechtsRock’-Label. Herbert Egoldt hat damit wohl als Erster seine Kontakte in die Punk-Szene geschäftsträchtig umgesetzt. Dennoch ist er bei weitem nicht der Einzige.

Neuere Schnittstellen zwischen Punk-Rock und ’RechtsRock‘

Aktuelles Beispiel ist Wolfgang Schmitz, in der Punk-Rock-Szene besser bekannt als Willi Wucher. Wucher bewegt sich seit den früheren 80er Jahren in der Punk & Skinhead-Szene. Seine ‚Kreativität‘ lebt er als Musiker, Mailorderbetreiber, Labelinhaber und Fanzinemacher aus. Als ehemaliger Bassist der rechten Skinhead-Band Body Checks knüpfte er Kontakte bis in die neonazistische Szene hinein. Später gründete er die Band Becks Pistols, die ihren Namen nach einem Rechtsstreit mit der Becks–Brauerei in den 90er Jahren nach einem ihrer Hits in Pöbel & Gesocks umbenannte. Bis zu seinem kürzlichem Rauswurf spielte dort auch Collaps Strauch mit. Dessen Bekannheit in der Szene resultiert aus der Herausgabe des rechten Fanzine Singen & Tanzen in den 80er Jahren. Wucher begann in den 80er Jahren mit der Herausgabe von Fanzines. Zunächst begann er mit dem Punk-Fanzine Ungewollt, später folgte das Fanzine Scumfuck. Mit diesem Fanzine sowie einigen auf seinem Label Scumfuck veröffentlichten Bands prägte er den Begriff ‘Punkrock Pervers’, der aus den äußerst sexistischen Inhalten resultiert. Bands wie die Arschgefikten Gummizofen oder ähnliche ‘Highlights’ spiegeln Wuchers Verständnis vom Punkrock. 1999 brachte dieser Sexismus ihm sogar ein Strafverfahren und eine spätere Verurteilung wegen Verbreitung pornographischer Schriften ein.

Eigentlich wollte Wucher nach 10 Jahren und 40 Ausgaben Scumfuck die Herausgabe des Magazins an Collaps Strauch übertragen, der zu diesem Zeitpunkt zum festen Stamm des Magazins gehörte. Doch als dieser einen neuen Kurs mit dem Fanzine einschlug, hagelte es empörte LeserInnenbriefe. Daraufhin meldete sich Wucher mit Raumschiff Wucherpreis in die Fanzine-Landschaft zurück. Bei dem ausschließlich über den Scumfuck–Versand vertriebenen Heft handelt es sich eher um eine Mischung aus seiner Mailorderliste, ergänzt um einige Beiträge.

Gehörte der Scumfuck-Mailorder schon seit jeher zur Grauzone im Punkbereich, da Wucher dort auch immer wieder Bands und Fanzines aus der rechten Ecke vertrieb, färbte sich die Grauzone noch bräunlicher mit der ersten Ausgabe von Raumschiff Wucherpreis. Für die Debut-Ausgabe durfte Ulrich ‘Uhl’ Grossmann aus Coburg eine Kolumne verfassen. Der Vertrieb von rechten Bands und die Veröffentlichung von Beiträgen eindeutig rechter Leute trug in den letzten Jahren wesentlich dazu bei, daß sich die Punkszene entpolitisierte. Im allgemeinen „Du hast deine Meinung, ich hab’ meine, na und?!“ öffnete sich die Szene für Rechte und holte sie aus ihrer Isolierung.

„Ich bin rechtsradikal, aber kein Neonazi“ (Ulrich Grossmann)

Ulrich Grossmann ist nicht irgendein Rechter, sondern langjähriger Aktivist der neonazistischen Skinheadszene. In den 80er bis Anfang der 90er Jahren veröffentlichte er das Fanzine Clockwork Orange. 1990 gründete er sein eigenes Plattenlabel Dim Records und betreibt zusätzlich einen gleichnamigen rechten Mailorderversand, in dem er unter der Rubrik Rock against communsm (R.A.C.) kräftig für ‘RechtsRock’ wirbt. Neben seinen Eigenproduktionen bietet er dort auch nationale und internationale Acts der ‘RechtsRock’-Szene an. Zusätzlich vertreibt er Merchandising-Artikel, wie z.B. ‘T–Hemden’ (T-Shirts in Newspeak) als auch rechte Literatur. Neben einer Biographie über einen irischen Nationalisten, für die mit dem Zitat, daß dieser ‘Stolz auf die Iren als Rasse’ sei geworben wird, werden beispielsweise auch Fanzines aus der rechten Szene angeboten. Auffällig ist das ständige Angebot der aktuellen, ebenfalls aus Coburg stammenden Monatszeitschrift Nation & Europa. Diese Publikation tritt verstärkt für die Einigung der gesamten extremen Rechten ein und zählt zu den bedeutendsten Strategie– und Theoriepublikationen in der extremen Rechten. Im September 2000 wurde in dem Heft bereits zum zweiten Male ein Gastbeitrag von Ullrich Grossmann abgedruckt. Zuvor hatte er bereits über den Skinhead-Kult geschrieben. Diesmal schrieb Uhl unter dem Kürzel U.G. in der Rubrik „Köpfe & Profile“ unter dem Titel „Rockmusik nach deutschen Volksweisen“ über die schwedische Band Ultima Thule. Er preist die Band an und versucht sie vehement vom Vorwurf, das „Zugpferd der Neonazi-Szene“ zu sein freizusprechen und behauptet, die Band sei völlig zu Unrecht beschuldigt. Wohl nicht ganz so Selbstzweck. Grossmann bietet über seinen Versand Dim Records die für den deutschen Markt hergestellten LP`s von Ultima Thule an. In der Scumfuck-Mailorderliste werden sie dementsprechend mit dem Slogan beworben: „Diese 6 Thule-Alben werden exklusiv für den deutschen Markt … hergestellt“. Die extra für die deutsche Anhängerschaft der Band in deutscher Sprache eingespielte Single ‘Herrlich Hermannsland’, die als Dankeschön für ihre Unterstützung gedacht ist, wurde in diesem Jahr auf Dim Records veröffentlicht. Uhl wirbt am Ende seines Artikels in Nation & Europa für diese Single, die im Buchdienst der Zeitschrift erhältlich ist.

Ulrich ‘Uhl’ Grossmann stammt politisch aus der JN, der Jugendorganisation der NPD, dessen Mitglied und zeitweise sogar Kreisvorstandsmitglied er in den späten 80er Jahren war. Er ist bereits seit vielen Jahren mit Willi Wucher befreundet. Auch geschäftlich sind beide über ihre Mailorder miteinander verbunden. Im Zuge der Imagekorrektur der ehemals offensiv neo-nazistischen schwedischen Band Ultima Thule, wurde diese Band speziell durch Dim Records und Scumfuck in Punk– und Skinheadkreisen in Deutschland verbreitet.

Akzeptiertes Miteinander – Sampler als Tummelfeld rechter und ‚unpolitischer‘ Bands

Beigetragen zur Akzeptanz dieser extrem rechten Band in Punk-Kreisen haben wohl zwei Sampler. Zum einen der von Dim Records veröffentlichte The only spirit is unity und andererseits von Scumfuck vertriebene OI – A Tribute – Sampler. Beide protegieren u.a. Ultima Thule, wobei der 1996 entstandene ‘OI – A Tribute’ von Ultima Thule selber über ihr eigenes Label Ultima Thule Records veröffentlicht wurde. Auf diesem Sampler sind unter anderem die schwedischen Bands Hereos, die ihre Karriere unter dem Namen Dirlewanger als offen neonazistisch begannen. Ebenfalls ist auf der Compilation die Band Mitgard Söner vertreten, die durch ihr ungewöhnliches Band-Lineup, das aus drei Punks und zwei Skinheads besteht, auffällt. Mitgard Söner sind bekanntermaßen Nationalisten. Ebenfalls aus Schweden stammt die Band The Jinx, bei der ehemalige Mitglieder von Mitgard Söner mitspielen. Als deutscher Beitrag sind u.a. die rechten Bands Hässlich und Nordwind auf dem Tonträger vertreten. Hässlich veröffentlichten 1995 und 1996 ihre Alben bei Dim Records. Nordwind beim rechten Langenfelder Label Funny Sounds von Torsten Lemmer.

‚RechtsRock‘-Töne im schwedischen Mainstream – Ultima Thule

Wahrscheinlich können diese beiden Sampler als Durchbruch zur Etablierung von Bands aus dem neo-nazistischem Spektrum angesehen werden. Mittlerweile gehören Ultima Thule auch hierzulande zu den Großen der ‘RechtsRock’-Szene, 1998 spielten sie in Dresden beispielsweise vor über 700 Leuten. Und gelten für viele nach ihrer scheinbar erfolgreichen Imagekorrektur nicht mehr als Rechte und finden mittlerweile auch unter Punks Beachtung. Gegenüber ihrem deutschen Publikum, zu dem Ultima Thule ein ganz besonderes Verhältnis hat, zollten sie mit der bereits erwähnten aktuellen E.P. Herrlich Hermannsland Tribut. Auf dieser befinden sich sogar zwei in deutscher Sprache eingesungene Lieder. Veröffentlicht wurde die Platte auf Dim Records. Für das „geschundene deutsche Nationalbewusstsein“ ihrer deutschen Hörerschaft heißt es dazu im beiliegendem Booklet: „Diese beiden Lieder sind fast 200 Jahre alt und sollen alle daran erinnern, daß eure Geschichte lange vor 1933 begann und nicht 1945 endete.“ Diese aktuelle politischen Äußerung zum Nationalsozialismus erhält um so mehr Gewicht, wenn dazu rückblickend die Mitgliedschaft einiger Bandmitglieder in der Nationalsozialistischen Nordischen Reichspartei berücksichtigt wird sowie deren jahrelangen Auftritte auf neonazistischen Skinheadkonzerten in Schweden. Auf der internationalen Bühne traten sie vor allem durch die Beteiligung am White Resistance – Sampler VOL. 1 neben ihren Landsleuten von Dirlewanger, den Engländern von No Remorse und Public Enemy in Erscheinung.

Im Zuge des Imagewechsels, der den Sprung in den Mainstream erlauben sollte – die Böhsen Onkelz lassen grüssen – wurde für die Musik von Ultima Thule der Begriff ‘Viking Rock’ oder auch ‘Viking Rock `n Roll’ kreiert. Ihre Herkunft aus dem Nazi-Skinhead-Spektrum gerät dementsprechend zunehmend ins Abseits. Zum Imagewechsel beigetragen hat in Deutschland u.a., wie schon geschildert, Willi Wucher, der Platten von Ultima Thule über seinen Versand Scumfuck vertrieb und vertreibt. Dies ermöglichte vielen Leuten einen einfachen Zugang zu der Band, ohne in Kontakt mit offensichtlich einschlägigen rechten Vertrieben zu geraten. Der Effekt, der daraus folgte, war das zunehmende Schweigen über die Gesinnung von Ultima Thule und deren neonazistischen Herkunft. Und da die meisten Texte in Schwedisch gesungen werden, konnten sich viele der Illusion einer ‘unpolitischen’ Band zu lauschen, hingeben.

Punx & Skins united?

Auf dem Sampler Oi – A Tribute war damals auch die Wuppertaler Band Tin Soldiers vertreten. Ob sie als Alibi für den politisch korrekten Rahmen herhalten sollte ist unklar. Dennoch, die beiden Samplerbeiträge der Band sorgten für eine spätere Umbesetzung in der Band, da sie für ihre Teilnahme an diesem Sampler doch in arge Erklärungsnöte gerieten. Tin Soldiers wollten als ganz normale Punkband verstanden werden, die so ganz unverhofft in dieses Tribute-Albumprojekt hineingeschlittert ist. Als Konsequenz trennten sie sich schließlich von ihrem Bassisten Thomas Nauss und machten ihn im Nachhinein für dieses ‘Mißverständnis’, sprich der Teilname am Sampler, verantwortlich. Der Bassist, so die Argumentation, hatte mit seinen entsprechenden Kontakten die Teilnahme am Sampler ermöglicht. Spekulation bleibt dabei, ob ihr Plattenlabel Scumfuck bzw. Willi Wucher, bei dem sie üblicherweise veröffentlichen, mit seinen Kontakten in diese Szene hinein ihnen dabei nicht auch hilfreich zur Seite stand. Die Trennung von Thomas Nauss ist insofern auch konsequent, da er es auch war, der 1996 Scumfuck Fanzine Nr. 33 einen Reisebericht über Tin Soldiers Schwedenbesuch bei Ultima Thule verfaßte.

‚Unpolitisch‘, aber Rechts – Die Raubauken

Dubios bleibt, wer in der Band dafür verantwortlich zeichnet, daß auf der Debütsingle von Tin Soldiers die Mitglieder der rechten Erkrather Band Rabauken gegrüßt werden. Die Band der Brüder Mario und Bernd Zippel sowie Oliver Garde gehört seit Anfang der 90er Jahre zur ‘RechtsRock’-Szene. Textlich wendet sich die Band eher klassischen Skinhead-Themen zu. Doch bei genauerer Betrachtung wird deren Rechtslastigkeit deutlich. Oliver Garde, Schlagzeuger der Band, trat 1991 als Mitglied der neonazistischen Band Legion Condor in Erscheinung. Zur Zeit spielt er auch noch in der Düsseldorfer Band Starkstrom mit, deren Sänger der altbekannte Nazi-Schläger Stefan Rasche ist. Rasche war Anfang der 90er Jahre medienwirksamer Security und zeitweise sogar Mitglied der damaligen Düsseldorfer ‘RechtsRock’-Band Störkraft. Ihre bisherigen Alben veröffentlichte die Band beim Bremer Label Hanse Records, das von Mitgliedern der neo-nazistischen Skinheadband Endstufe betrieben wird.

Doch trotz dieser offensichtlichen personellen Verstrickungen in die neo-nazistische Skinhead-Szene versuchen sich die Rabauken nach außen das Image einer ‘unpolitischen’ Oi–Band zu vermitteln. Im Interview mit dem rechten Musikmagazin Rock Nord im Februar 1999 antwortet die Band auf die Frage, ob sie irgendwelche politischen Aussagen in den Texten habe: „In der Oi! Musik hat Politik nichts zu suchen.“ Auf die Reaktion von Rock Nord, daß das ja schon fast nach Entmündigung klinge, antworten sie: „Wir wollen halt nur die Politik von den Konzerten fernhalten, da dies jedesmal in Hauereien ausartet. Und normalerweise geht man doch auf`s Konzert um Spass zu haben.“

Das Geflecht von ‚unpolitischen‘ und ‚RechtsRock‘-Bands

Das Stammlabel der Rabauken war seit ihrem 1993er Debüt ‚Warte, Warte nur ein Weilchen’ Dim Records. Erst 1999 wechselten sie mit der Veröffentlichung des Album ‘Hey, mein Freund’ auf Oi – Hammer – Records. Auch hier tauchen in der Grußliste neben patriotischen Oi-Bands wie Boots & Braces und den Panzerknackern auch die ‘RechtsRock’-Band Ultima Thule und Starkstrom auf.

Die 1983 gegründete Band Boots & Braces gehört zur ersten Generation der deutschen Skinheadbands. Zwar verzichteten sie in ihren Liedern auf rechte Parolen und wollten auch als unpolitische Band verstanden werden, doch veröffentlichten sie ihre Alben trotzdem auf dem Label Rock-O-Rama und Metal Enterprises. Dessen Betreiber Ingo Nowotny nahm 1986 die von Rock-O-Rama kommenden Böhsen Onkelz unter Vertrag. Nowotny ließ sie durch das Major-Label Bellaphon vertreiben, bis diese 1991 die Böhsen Onkelz selbst unter Vertrag nahmen. Bei Ingo Nowotny erschienen neben Boots & Braces auch die ‘RechtsRock’- Bands Kahlkopf, Saccara und auch Legion Condor. Seit 1990 betreiben die beiden Boots & Braces Mitglieder Florian und Matthias Walz das Label und den Mailordervertrieb Walzwerk Records. Anfänglich wurden darüber auch ‘RechtsRock’–Bands wie beispielsweise Skrewdriver vertrieben, mit denen sie als Boots & Braces ebenso aufgetreten waren wie mit vielen anderen ‘RechtsRock’ – Bands, u. a. Störkraft, Endstufe, Noie Werte. Schon früh, 1993, spielten Boots & Braces mit den österreichischen Panzerknackern und den Rabauken zusammen in Meschede.

Ähnlich wie Boots & Braces spielen auch die Rabauken mit Bands der ‘RechtsRock’-Szene zusammen, wie z. B. 1997 mit Ultima Thule in Belgien, ohne jedoch sich dieser Szene, wie sie sagen, zugehörig zu fühlen. Allerdings sind gemeinsame Konzerte mit ‘RechtsRock’–Bands doch mehr als nur ein deutliches Zeichen der Verbundenheit mit dieser politischen Szene. Da braucht es dann auch keine eindeutigen Textpassagen, um vom Publikum verstanden zu werden. Der Habitus ‘Wir sind eine unpolitische Band’ der Rabauken reduziert sich auf die fehlende rechte Eindeutigkeit ihren Texten. Politisch wird es für sie erst dann, wenn Vorbehalte gegen Rechte dazu führen, diese auszugrenzen. Statt dessen sollte auch die Gesinnung von rechten Skinheads als deren ‘persönliche’ Meinung gelten, über die sich nicht zu streiten gilt.

Ob rechts, ob ‚unpolitisch‘, ob vermeintlich links – Love, Peace and Unity

Dieses Verständnis von ‘Unity – Zusammenhalt’ hat letztendlich dazu geführt, daß der Rabauken- Sänger und Gitarrist Bernd Zippel auch bei der OI-Punk-Band Verlorene Jungs als Drummer mitspielen kann. Diese veröffentlichte bislang zwei Platten bei Scumfuck, aus dessen Umfeld auch ein Mitglied der Band stammt. Als fatales Beispiel von mißverstandener Toleranz und Duldung von Rechten kann Zippels Mitgliedschaft in dieser Band gelten. Schlagzeilenträchtige Aufmerksamkeit wurde dieser Band im September 1999 durch deren Teilnahme am Moerser Festival ‘Mach’s Maul auf gegen Gewalt, Faschismus und Intoeranz’ zu Teil. Bei dem Festival kam es zu gezielten Übergriffen von Neonazis, bei denen einige Menschen verletzt wurden. In einer Erklärung der Verlorenen Jungs heißt es zu den Vorfällen kurz und knapp: „Denn das was wir erleben mußten war weder ein ‘Naziüberfall’ noch sonst irgendeine geplante Situation.“ Im linken Punk-Fanzine Plastic Bomb Nr. 29 / Winter 1999-2000 hingegen wird die Situation wie folgt beschrieben: „Krampfhaft wird verschwiegen, warum es auf dem Konzert zu Ausschreitungen kam: Weil diejenigen, die die Verlorenen Jungs nicht ausgrenzen wollen, mit ‘Zecken zu den Juden, ab ins KZ’ und ‘Sieg Heil’ – Rufen lieber Punks und korrekte Skins verprügelten.“ Die Verlorene Jungs reagierten auf solche Vorwürfe nur mit dem lapidaren Ausspruch: „Klar haben wir Rechte angelockt, – klar haben wir Linke angelockt- wo ist das Problem?“

Solche unverhohlenen Angebote an Rechte sowie deren Akzeptanz auf antifaschistischen Festivals oder anderen, eigentlich linken Konzerte und Räumlichkeiten holt sie aus ihrer Isolierung heraus, verschafft ihnen Zugang zu öffentlichen Räumen und sorgt für die Normalisierung rechten Gedankenguts nach dem Motto: „Du hast deine Meinung, ich habe meine. Komm laß uns saufen“. Eine derartige Entpolitisierung bleibt nicht ohne Folgen und ist mittlerweile schon alltäglich spürbar!

Quelle: Infopartisan

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