Oire Szene vs. „Punk & Disorderley“

Einige dachten sicherlich schon, wir würden uns nicht mehr zum diesjährigen „Punk & Disorderley“-Festival vom 2.-4.4.10 in Berlin äußern – da habt Ihr euch getäuscht: aus unserer Sicht ist es schon lange geboten dieses wohl mittlerweile größte regelmäßig (seit 2002 jährlich) in Deutschland (oder sogar ganz Europa) stattfindende Grauzonenfestival zu thematisieren. Immerhin besitzt dieses Festival eine große Ausstrahlungskraft auf die Skinhead- und Punkszene und somit ist es besonders problematisch, dass hier bereits seit Jahren rechte und rechtsoffene Bands vor zum Teil mehreren tausend zumeist jugendlichen Besucher_Innen eine Plattform geboten bekommen.

Es geht uns an dieser Stelle nicht darum, die Grauzonendebatte erneut von vorne zu beginnen (auf diesem Blog könnt Ihr die bisherigen Argumente warum und wieso wir die ganze Grauzone hier so vehement kritisieren bei Bedarf noch einmal durchlesen), sondern wir werden an dieser Stelle nur auf das diesjährige Lineup und rückblickend auf die Lineups der vergangenen Jahre stichpunktartig eingehen. Es würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen auf alle problematischen Bands die bisher auf dem „Punk & Disorderley“ gespielt haben ausführlicher einzugehen. Dies werden wir bei den bisher von uns noch nicht thematisierten Bands aber sicherlich noch in der Zukunft nachholen.

Zunächst einmal möchten wir kurz ein paar Infos bezüglich „Discipline“ (spielen dieses Jahr erneut auf dem „P&D“ – immerhin eine der Hausbands, welche bei „M.A.D. Booking“ unter Vertrag stehen) nachlegen: „Discipline“ lassen ihre Merchandise-Artikel nun offiziell von „Rebellion Records“ aus Holland vertreiben. Betrieben wird das Label und der daran angeschlossene Versandhandel laut der Recherche von holländischen Antifaschist_Innen von Wouter Davids, Mitglied der niederländischen Band „Razorblade“. Davids hat 2006 Tonträger des „Blood & Honour“ – Labels „Good Night Left Side“ ( u.a. CD`s von „English Rose“ und „Kill Baby Kill“ ) herstellen lassen, was von niederländischen Antifas öffentlich gemacht wurde. (Quelle)

Wouters sollte mit „Razorblade“ eigentlich schon letztes Jahr auf dem von „M.A.D.“ veranstalteten „Punk & Disorderly“ – Festival spielen, der Auftritt wurde von „M.A.D.“ aber noch kurzfristig abgesagt, nachdem „M.A.D.“ auf die Aktivitäten von Wouters aufmerksam gemacht wurde. Nun kündigt Wouters jedoch auf der Homepage von „Rebellion Records“ an, dass das Label mit einem Merchandise-Stand auf dem diesjährigen „Punk & Disorderly“ – Festival in Berlin vertreten sein wird. (Siehe hier und hier)

Diese mehr als fragwürdige Zusammenarbeit von „Discipline“ mit „Rebellion Records“ genauso wie das seltsame Spiel von „M.A.D.“ mit fragwürdigen Bands und Labels gilt es an dieser Stelle zu kritisieren. Dass es sich hierbei nur um die Spitze des Eisberges handelt, werden wir im weiteren Verlauf unseres Artikels belegen. Fakt ist, dass „M.A.D.“ mit seiner Konzertpolitik – hier ein paar politisch korrekte Bands – da ein paar politisch unkorrekte rechtsoffene bis rechte Bands – seit Jahren das Grauzonenproblem verschlimmert. Bei dieser Unity- bzw. Querfrontsauce wird die Hemmschwelle (aus antifaschistischer Sicht) mehr als fragwürdige Bands zu tolerieren immer weiter gesenkt. Irgendwann ist es dann auch für den „sub“kulturellen Mainstream eben normal, auch rechte bis offen rechtsradikale Bands zu veranstalten bzw. diese zu konsumieren. Hier werden mit kühler Berechnung bisherige Grenzlinien durchbrochen, um auch mit politisch unkoscheren Bands eine Menge Kohle zu verdienen. Dass sich immer noch klar antifaschistische Bands – wie dieses Jahr u.a. „Angelic Upstarts“, „The Oppressed“, „Stage Bottles“ (stehen nicht mehr auf dem aktuellen Flyer?) oder „Produzenten der Froide“ für dieses üble Spielchen von „M.A.D.“ missbrauchen lassen ist schon mehr als erschreckend.

Die Oire Szene Redaktion würde sich an dieser Stelle über eine klare Absage dieser Bands, weiterhin auf dem „P&D“ aufzutreten, freuen. Es ist an der Zeit endlich wieder klare Trennlinien zu ziehen! Fight back the greyzone!

Übrigens: auch die beiden Kreuzberger Läden „Trinkteufel“ (Aftershowpartys an allen Festivaltagen) und das „Kato“ („Opening DJ Party“ am 1.April) beteiligen sich am „P&D“ 2010. In beiden Fällen ist allerdings anzumerken, dass es dort schon seit einiger Zeit die Tendenz gibt rechtsoffene Konzerte zu veranstalten (z.B. „On File“ im „Trinkteufel“ und Bands von „Krawllbrüdern“ über „Kärbholz“ bis „Freiwild“ im „Kato“) und auch das entsprechende rechtsoffene Grauzonenklientel mit offenen Armen zu empfangen (die saufen ja ordentlich und bringen ohne Ende Kohle in die Kasse).

Besonders schlimm ist es unserer Meinung nach übrigens auch, dass das diesjährige „P&D“ erstmals im eigentlich als eher links geltenden Berliner Szenekiez Friedrichshain stattfinden wird. Und dann auch noch im „Astra“ auf dem linksalternativen RAW-Gelände. Uns schaudert es bei der Vorstellung, dass dort am bevorstehenden Wochenende verschiedene rechtsoffene bis rechte Bands eine Plattform geboten bekommen werden. Wie kann es sein, dass eine großartige antifaschistische Band wie „The Oppressed“ im direkten Anschluss an die mittlerweile wohl bekannteste rechtsoffene Grauzonenkapelle „Stomper 98“ auf derselben Bühne spielen soll? Merkt Ihr nicht, welch fragwürdiges Spiel „M.A.D.“ hier spielt?

Und nun noch mal kurz zum diesjährigen Lineup: mit „Argy Bargy“, „Discipline“ (hier und hier) und „The Warriors“ sollen schon mal mindestens 3 Bands spielen, welche bereits im „Blood & Honour“ Schuppen „De Kastelein“ (siehe Flyer) bzw. in anderen Naziläden gespielt haben. Und dann noch „OHL“ (Siehe), „Berserker“ (Siehe), „Stomper 98“ (hier und hier), „Hard Times“ („Stomper 98“-Kumpels) und „Toxpack“ – aus unserer Sicht allesamt rechtsoffene Grauzone…

Die Oire Szene Redaktion appeliert an alle Punks und Skins, die ihren Restverstand noch nicht weggesoffen haben: macht lieber etwas für eure eigenen Subkulturen, indem Ihr selbst Konzerte und Partys mit einer klaren antifaschistischen Attitüde organsisiert, gründet Bands, macht Fanzines oder besucht Veranstaltungen, die noch im Sinne einer ernst gemeinten Subkultur auf DIY-Ebene arbeiten und Nazis und Grauzonenfreunden klar die rote Karte zeigen!

Zuguterletzt noch ein Blick auf die Lineups des „P&D“ in den vergangenen Jahre, welche u.a. (nur jeweils ein paar Beispiele) einige rechtsoffene bis offen rechte Bands beinhalteten:

2002:

„The Last Resort“: u.a. Konzerte mit “On The Job”, “The Warriors”, “Spy Kids”, “Schusterjungs” u.v.m.
„Discipline“: siehe oben
„Tech9“: Konzerte mit Bands wie “The Pride” oder “Discharger” (beide rechtsradikal)
“Hardsell”: U.a. Konzerte am 8.7.2000 im “Blood & Honour”-Laden “De Kastelein” mit den “Thuggers”. Am 19.1.2002 erneutes Konzert im „De Kastelein“ mit „Offside“
“Deadline”: Konzert u.a. am 25.5.2002 im “Blood & Honour” Laden „De Kastelein“ – distanzierten sich davon aber später glaubhaft

2003:

“The Last Resort”
“Tech 9”
“Argy Bargy”: U.a. Konzert am 27.4.02 im Naziladen “De Kastelein”
“Stomper 98”: siehe Oireszene Index
“The Crack”: Konzerte mir Rechtsrockband wie “Headcase”, „Retaliator“, „Haircut“ usw.
“Crashed Out”: Konzerte mit Nazibands wie “Les Villains” oder Rechtsrockbands wie “Pressure28” usw.
„Toxpack“
„Lousy“: Konzerte mit Bands wie „Superyob“, „Krawallbrüder“, „Mummys Darlings“… (Richtigstellung: Die Band trat aus uns unbekannten Gründen nicht auf dem P&D auf)

2005:

„Discipline“
„Stomper 98“
„Argy Bargy“
„Toxpack“
“Goldblade”: Konzerte mit Bands von “Templars” über “Krawallbrüder” bis „Dolly D“
“The Last Resort”
“Splodge”: Konzerte von “Condemned 84” über “Gonads” bis “Unantastbar”
„Riot Company“: Konzerte mit Bands wie „Spy Kids“, „Brachial“, „Dolly D“, „Headcase“ u.v.m.

2006:

“Discipline”
“Argy Bargy”
“OHL”: siehe Oire Szene Index
“Stomper 98”
“Bierpatrioten”: ehemalige rechtsoffene Band aus Berlin – heute: “Toxpack” bzw. „Turbolover“
“Ultimo Asalto”: siehe Oire Szene Index
“Goldblade”
“Soifass”: Konzerte mit Bands wie “Krawallbrüdern”, “Prolligans”, “Dolly D”, “Trabireiter” usw.

2007:

“OHL”
“Krawallbrüder”: siehe Oire Szene Index
“Soifass”
“Discipline”
“Last Resort”
“Argy Bargy”
“Section 5”: siehe Oire Szene Index
“Toxpack”
“Resistance 77”: Konzerte u.a. mit „Short Cropped“, „Bombecks“, „Retaliator“, „Superyob“, „Condemned 84“, „Brutti I Ignoranti“ u.v.m.
“Ultimo Asalto”
“Crashed Out”
“Haggis”: siehe Oire Szene Index
“East End Badoes”: Konzerte für die rechtsradikalen “Bootbooys Hildesheim” mit “Indecent Exposure”, “Shaved Dogs”. Konzert am 10.10.09 auf dem „Live and Loud“-Rechtsrockfestival mit „Indecent Exposure“, „Pressure 28“, „Short Cropped“ und „The Glory Boys“

2008:

“The 4Skins”: Konzerte mit Rechtsrockbands von “Code 1” über “Skinfull” bis “Headcase” u.a. – aktuell: Überschneidung der Bandbesetzung mit der Rechtsrockband “Indecent Exposure”
“Argy Bargy”
“The Gonads”
“OHL”
“Stomper 98”
“Goldblade”
“Ultimo Asalto”

2009:

“Razorblade” (abgesagt): Konzert z.B. am 23.4.05 im Naziladen „Skinhouse Menfis“ mit den „Spy Kids“ und „Last Riot“
“Last Resort”
“Stomper 98”
„Argy Bargy“
„Section 5“
„The Gonads“
“Toxpack”
“Crashed Out”

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