Alle Lust will Ewigkeit: Über »Hedonismus« als linke Ideologie der Selbstbefreiung

Eine Leseempfehlung der Oire Szene Redaktion zum Thema Hedonismus aus der „Phase 2″:

In seinem 1891 erschienen Essay Der Sozialismus und die Seele des Menschen schreibt Oscar Wilde: »Einen kotigen Straßenübergang bei scharfem Ostwind acht Stunden im Tag zu fegen ist eine widerwärtige Beschäftigung. Ihn mit geistiger, moralischer oder körperlicher Würde zu fegen scheint mir unmöglich. Ihn freudig zu fegen wäre schauderhaft«.(1) Wildes Arbeitskritik, die zu einer Zeit formuliert wurde, in der sich Marxisten, Sozialisten und Kommunisten aller Couleur in ihrer Verherrlichung von (körperlicher) Arbeit einig waren, scheint heute zumindest in Teilen der Linken angekommen zu sein. Man findet, wie Wilde, an körperlicher Arbeit »ganz und gar nichts Würdevolles«.(2) Nun hat sich seit dem ausgehenden (19). Jahrhundert und der Hochphase des industriellen Kapitalismus einiges verändert. Die Gegenwartsgesellschaft ist zwar ökonomisch nach wie vor über Wert und Arbeit vermittelt, aber die Formen, in der die doppelten freien LohnarbeiterInnen an der Wertschöpfung werkeln, haben sich gewandelt. Körperliche Arbeit, wie sie zu Wildes Zeiten noch große ArbeiterInnenmassen quälte, ist zwar nicht verschwunden, jedoch auf einem scheinbar unaufhaltsamen Rückzug – zumindest im hoch technisierten »Westen«. Nichts destotrotz hat sich am universellen und internalisierten Arbeitszwang kaum etwas geändert, auch wenn dieser im Lichte der technologischen Entwicklung und der tatsächlich immer prekärer werdenden Möglichkeiten, sich durch Lohnarbeit zu reproduzieren, immer absurder erscheint.(3)

Teile einer progressiveren Linken(4) haben darauf reagiert, als sie begannen, dem blinden Aktionismus der 1980er und 90er Jahre abzuschwören und sich stark auf Theoriearbeit zu fokussieren. Sie haben im Zuge dieser prinzipiell begrüßenswerten und historisch konsequenten Entwicklung auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen, sozialisationsbedingten Unterworfensein unter gesellschaftliche Imperative geführt – und sich kritisch vom traditionslinken Arbeitsfetischismus distanziert. Zugleich jedoch handelte es sich dabei vor allem um eine inhaltliche Distanzierung. Die Form der eigenen Tätigkeit wurde und wird eher selten reflektiert. Man ist nach den subkulturellen Erfahrungen und Debatten der vergangenen Jahrzehnte freilich schlauer geworden und macht sich weniger Illusionen über das eigene Nischendasein, das dem gesamtgesellschaftlichen Arbeitsimperativ eben genauso wenig zu entkommen vermag wie die einzelnen Individuen ihrer entsprechenden Sozialisation. Und doch reproduziert man die gesellschaftlich gültigen Muster von intellektueller Produktion häufig unreflektiert – sei es im Verfassen von Texten wie diesem, dem Editieren von Zeitschriften wie dieser oder der Organisation von Veranstaltungen. All dies konsumiert Zeit und menschliche Arbeitskraft, ohne dass über deren Entlohnung auch nur nachgedacht wird.

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