Nazi Ted Fuck Off!

Andreas Michalke schreibt in der „Jungle World“:

Zum ersten Mal tanzte ich in der vierten Klasse. Tommy, ein Klassenkamerad, war das einzige Kind einer Ärztin und hatte etwas mehr Taschengeld zur Verfügung als ich. Davon kaufte er sich immer die neuesten Singles und machte damit den Kinder-DJ bei unseren Klassenfeten. Ich erinnere mich noch genau, wie wir zu »Ballroom Blitz« von Sweet loshotteten und in unseren Kinderkörpern plötzlich ganz neue, wilde Regungen spürten. In blinder Nachahmung der Erwachsenen tanzten wir sogar Blues, ohne die erotische Komponente des engen Tanzes zu erahnen. Mehr Taschengeld als ich bekamen übrigens fast alle meine Mitschüler. Manchen steckten kleine gebundene Tücher, diese gediegenen Eckardt-von-Hirschhausen-Dinger, in den Hemden. Ihre Eltern gehörten zur Hamburger Oberschicht, und sie wohnten in alten Patrizierhäusern nahe der Alster, mit riesigen Aufgängen und ebenso riesigen Zimmern. Meine Mutter dagegen war Sekretärin, mein Vater Seemann und mein Großvater hatte an der Rothenbaumchaussee eine Schlachterei. Im selben roten Backsteinhaus der fünfziger Jahre wohnten wir unterm Dach zur Miete. Bis ich 13 war, teilte ich mir mit meinem Bruder ein Zimmer und ein Etagenbett. Einmal schockierte mich eine Mitschülerin, als sie sich in einem Laden eine Familienpackung Eis kaufte und es mit einem von Zuhause mitgebrachten Suppenlöffel auslöffelte. Soviel Luxus schien mir unvorstellbar, und ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, ihn mir zu leisten.

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