Offener Brief vom ehemaligen Bassisten von Artifical Eyes zur Grauzonendebatte

Die Oire Szene Redaktion verweist an dieser Stelle auf eine von RASH Berlin-Brandenburg heute veröffentlichte Stellungnahme rund um die bitteren Vorfälle in Bezug auf die Stage Bottles, Artifical Eyes und United Struggle:

Wir dokumentieren als RASH Berlin-Brandenburg das folgende Statement (konkret geht es um verschiedene Kuschelbilder von 2 Bandmitgliedern der Stage Bottles auf dem diesjährigen Riverside Stomp Festival in Mainz mit einem Bandmitglied von Stomper 98 – siehe). In Folge dessen ist davon auch das relative neue Bandprojekt Artifical Eyes betroffen. Außerdem hat sich die Redskinband United Struggle aufgelöst, da es auch hier zu einem gemeinsamen Photo mit Stomper 98 Bandmitglied Lars zusammen mit einem Bandmitglied von United Struggle kam. Aber lest selber…:

Weiter

Ergänzend dokumentiert Oire Szene die Stellungnahme von Marcel von den Stage Bottles bzw. Artifical Eyes:

Marcel Mon Chi Chi:

So, einige haben drauf gewartet. Also hier we go:

Bevor die ganze Sache hier eskaliert …

… ja, ich habe ein Bild mit Lars (den meisten bekannt als Bassist von Stomper 98) und mir machen lassen.

… ja, das Bild ist in Facebook, wird da auch bleiben und wurde von mir und Lars kommentiert mit einigen Sprüchen die Bezug nehmen auf die Aufkleberaktion zum Thema Sebi (Sänger von von Stomper 98 und dem Vollfascho Jens Brand von Endstufe).

… nein, ich war nicht betrunken, da ich seit November 2011 nicht mehr trinke, sondern habe dies sehr bewusst gemacht. .

Warum?

Wer mich kennt, weiß sehr genau dass ich mich mit der so genannten Grauzonenproblematik seit der Thematisierung dieses Problems (und ja … es ist für mich ein Problem!) mit dem Posting der Bilder des Indecent Exposure Gigs in Hildesheim mehr als ausführlich beschäftige.

Die Thematisierung dieses Problems ist für mich wichtig und hat ihre Berechtigung. Welchen Stellenwert diese Diskussion mittlerweile eingenommen hat zeigt sich in der Entwicklung des heutigen Mit- oder Gegeneinanders bestimmter Gruppierungen innerhalb unserer Subkulturszenen.

Leider habe ich für mich persönlich immer mehr die Erfahrungen machen müssen, dass über dieses Thema nicht mehr miteinander gesprochen wird. Lieber wird im Internet wild umher gepostet, getreu nach dem Motto: „Wer was weiß, posaunt dies erst einmal in die große WWW Welt, um einen kurzen Moment Aufmerksamkeit zu erhaschen“. Fakten die zum Teil schlecht oder gar nicht recherchiert wurden, gelten – z.B. einmal bei Oire Szene online gestellt – als unwiderlegbare Beweise. Schnell wird alles was nicht in die heile PC Welt passt als grau bis braun hingestellt und Kontakte gekappt und Leute die weiterhin Kontakte zu entsprechenden Personen, Bands oder Gruppen pflegen ein Grauzone offenes Verhalten unterstellt. Das ganze spitzt sich dann zu, wenn Personen mit ihrem aus dem Internet erworbenen Hintergrundwissen Szenepolizei spielen wollen, ohne sich über die Folgen ihrer Aktionen auch nur Gedanken zu machen.

Auf der anderen Seite werden Versuche einiger Beschuldigter Stellung zu diesen Vorwürfen zu nehmen ins Lächerliche gezogen oder überhaupt nicht zugelassen. Egal ob es sich um Bands oder Personen handelt, die sich über Gigs äußern wollen, die in besagter Konstellation ggf. nie stattgefunden haben, über Flyer, Fotos, Myspace- oder Facebookfreundschaften usw. Wie es zu solchen Kontakten kam, ob durch Unwissenheit (ja, auch das ist in der heutigen Internet-Zeit möglich), langjährigen Bekanntschaften oder wie auch immer, wird völlig außer Acht gelassen. Noch schlimmer: Selbst Aktionen, die eigentlich unter einem gemeinsamen Motto laufen könnten, wie z.B. Konzerte unter ein klar antirassistisches Motto zu stellen und in entsprechenden Läden durchzuführen, werden von vorn herein als Lippenbekenntnisse oder falsches Spiel abgetan, anstatt diese Vorhaben zu unterstützen, Menschen einen positiven und bessern Weg zu zeigen und diese letztendlich auch an sich heran zu lassen um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Die Konsequenz aus dieser Verhaltensweise ist ein immer tiefer werdender Spalt zwischen Gruppierungen die sich gegenseitig mehr und mehr hassen. Bist du nicht mit mir, bist du gegen mich.

Anstatt positiv auf Leute zuzugehen und ihnen eine besser Alternative zu zeigen, wird eine Ab- und Ausgrenzungsschiene gefahren, die viel kaputt macht, was in den 90zigern aufgebaut und geschaffen wurde. Es gibt viele Leute, die damit bereits vergrault wurden. Leute die politisch durchaus was auf dem Kasten haben, aber ggf. in einigen Punkten zwischen den Stühlen stehen. Vorschnell wird dann oft unterstellt: Die haben keine Ahnung, ignorieren die Fakten oder gehören eben doch zum anderen Lager. Dann wirft noch jemand persönliche Ressentiments in die Waagschale und schon steht das Feindbild. Gerade Leute mit einem entsprechenden Rückgrat haben aber auf solche Aktionen keine Lust und wenden sich daher oft genervt von den Diskussionen oder dem gesamtem Thema ab.

Ich persönlich möchte nicht jeden in einen Topf werfen. Nicht diejenigen, die zum Teil in nächtelanger Arbeit Informationen über Leute zusammentragen um UNSERER Szene die Augen zu öffnen oder sich daran beteiligen entsprechendes braunes Pack und deren Sympathisanten mit allen Mitteln da zu bekämpfen wo es nötig ist. Aber auch nicht die, die ein ums andere Mal (online) diffamiert werden, ohne Chance das deren Stellungnahme irgendwo Beachtung findet.

Mir schwebt hierzu eher ein aufeinander zu gehen vor. Klar muss man auch wissen wo Grenzen zu ziehen sind, doch wer bestimmt diese? Wie oft habe ich mir in den letzten Jahren angehört, dass dies nicht geht und jenes nicht geht. Doch wer legt das fest? Grundsätzlich muss das jeder für sich selbst, denn alles andere ist ein hirnloses Treiben in der Masse. Bloß nicht auffallen, bloß nicht mal ein Kontra geben. Denn die Konsequenzen wären ein sofortiger Graunzonen-Verdacht und das Risiko das man seinen Ruf verliert.

Mal zwei Beispiele, wo Grenzen aus meiner Sicht klar überschritten werden und sich Leute über ihre Lable- und Veranstaltungspolitik mal Gedanken machen sollten:

4 Skins: Diese reformierte Band hat es in kürzester Zeit geschafft ihren alten Ruf komplett zu ruinieren. Der für mich bis heute erreichte Tiefpunkt dieses Reunion-Dramas fand am 02.06.2012 in Swindon (UK) statt. Auf dem vom Manager von The Crack (!) organisiertem „Help For Heroes“ Benefit-Konzert stellte Blood and Honour die Security. Auf den kurzzeitig bei Youtube kursierenden Videos sah man unter anderem Ken den Sänger der Nazi Band Brutal Attack als Security während des 4 Skins Gigs (Backing Band: Indecent Exposure). Am Ende des Konzertes soll Mic Bright (besagter Manager von The Crack) bei seiner Dankesrede an alle Anwesenden u.a. auch B+H gedankt haben.

https://www.facebook.com/events/129509600473533/

Riffs Bar, Swindon, England.
Bands: 4Skins, Vicious Rumours, The Crack, London Diehards, The Kriminals und Code 1 (mir liegt jedoch keine Bestätigung vor, wer nun tatsächlich gespielt hat, außer 4 Skins, denn das Video habe ich selber gesehen).

SuperYob: Rechtfertigungsversuche in Richtung SuperYob / Frankie Flame dürften nach dem für dieses Jahr geplanten, seit einigen Jahren parallel zum Rebellion stattfindenden, „The Real Oi!“ in Blackpool wohl künftig völlig fehl am Platze sein. Hier steigt die super unpolitische Oi! Veranstaltung mit Close Shave und Pressure 28. Wer die Videos der letzten Jahre kennt und weiß was für Idioten sich auf dieser Veranstaltung tummeln, der kann das Geschwätz von Herrn Frankie Flame nicht mehr Ernst nehmen.

Aber zurück zu meinem Anliegen.

In den vergangen Wochen kam es zu verschiedenen Vorfällen auf RASH bzw. Antifa Veranstaltungen, die für mich das Fass zum überlaufen gebracht haben, da sie sehr genau zeigen, wie die mittlerweile höchst einseitig geführte Diskussion in die Tat umgesetzt wird.

Bsp. Fight Back Festival in Nürnberg

Lars (Bassist bei Stomper 98 und ehemaliges Mitglied bei Endstufe) wurde durch die Security des Fight Back Festival gebeten das Festivalgelände des Desis zu verlassen. An sich nichts ungewöhnliches, da Stomper 98 zum Teil nicht ganz unverschuldet zu einer der führenden Grauzonenbands zählen und sich in diesem Zusammenhang durchaus die Frage stellen lässt, warum man Leuten gerade auf solchen Festivals eine Chance geben sollte. Doch wenn man sich die Mühe macht sich einmal mit dem Mensch Lars Iversen zu beschäftigen, fällt auf, das hinter vielen Fakten die seine Band betreffen, ein Mensch hier verurteilt wird, bei dem es sich lohnt, sich Gedanken zu machen, ob eine entsprechende Vorgehensweise gerechtfertigt ist, bzw. ob solche „Grauzone-Säuberungsaktionen“ nicht eher kontraproduktiv sind. Mir persönlich stößt vor allem die Art und Weise wie speziell diese Aktion durchgeführt wurde mehr als negativ auf, doch dazu will die Fight Back Crew noch ein eigenes Statement / einen Bericht veröffentlichen.

Fakt ist, dass Lars und seine Frau bei den örtlichen politischen Veranstaltern bekannt und akzeptiert sind. Dies liegt zum einen an div. Konzerten mit seinen anderen Bands im KOMM oder in der Desi (auf entsprechend politischen Veranstaltungen mit antifaschistischen Background), zum anderen auch an der Tatsache, dass Lars auch bewusst versucht sich zu den Vorwürfen gegen sich zu äußern. Auf einer Infoaktion über die Grauzone im KOMM in Nürnberg waren die beiden z.B. anwesend und haben zu den Bildern (auf denen Sie auch zu sehen sind) entsprechend Stellung genommen. Genutzt hat das wenig, denn der Vortrag wurde leider ohne die Stellungnahmen in irgendeiner Weise zu berücksichtigen in unveränderter Form an anderen Orten erneut gehalten. Da ich weiß, dass auch andere Leute aus dem RASH Umfeld mit Lars in Mailkontakt stehen, stellt sich für mich die Frage nach dem Sinn einer solchen „die müssen hier raus, aber ich mach das um Himmelswillen nicht selber“ Aktion. Noch dazu, ohne sich mit den Veranstaltern hierzu abzusprechen, bzw. diese wie in diesem Fall noch unter Druck zu setzten.

Ich will hier keine Partei für Stomper 98 ergreifen, dafür sind zu viele Fauxpas von Seiten der Band (-mitglieder) passiert, als dass ich mich hier für die Band als solche einsetzen will. Zudem besitzt Stomper 98 für Rechtfertigungen und Erklärungen, oder besser noch für positive Zeichen und Aktionen selber ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Ich will mit diesem Beispiel nur zeigen, wie leichtfertig man Sachen kaputt machen kann, wenn man das nachplappert, was man im Internet findet, sich nicht mit Leuten auseinandersetzt und dann auch noch hirnlosen Aktionismus walten lässt.

Bsp. True Rebel Jahresfeier 2012

Ein Bekannter von mir schrieb mich nach dem Festival an und erzählte mir, dass er aus Solidarität zu Smiley auf der Veranstaltung in Hamburg war. Er selber kommt ursprünglich aus Stuttgart, hat seinen Ausstieg 1997/98 aus der rechten Szene mit ner ordentlichen Tracht Prügel in Frankreich bezahlt und besiegelt. Er geht seit Jahren nur noch auf Reggae Veranstaltungen, ist mit einem Großteil der mir bekannten Stuttgartern (inkl. den PDF Leuten) befreundet. Auf der Veranstaltung wurde er mehrfach von ihm bis dahin völlig unbekannten jungen Aktivisten aus dem RASH Stuttgart Umfeld als Nazi geoutet. Woher diese Vorwürfe kommen ist völlig unklar.

Bleibt die Frage: Was müssen Menschen unternehmen, um Vorwürfe zu entkräften? Wer gibt Leuten das Recht hier Urteile über Menschen zu fällen und zerstört damit jegliche Basis für ein Miteinander. Sorry, aber so läuft das nicht!

Fazit

Die Idee zu dem Bild mit Lars ist als Reaktion auf diese beiden Vorfälle entstanden. Ich will damit klar zeigen, dass hinter all den Fakten, Vorwürfen oder auch Gerüchten, die im Rahmen der Grauzonendiskussion entstehen, Menschen stehen, die oftmals ganz anders sind, als dies für Leser von Oire-Szene oder ähnlichen Foren und Veröffentlichungen rüber kommt. Oftmals werden hier ausgerechnet die Leute zur Rechenschaft gezogen, die eben gerade auf entsprechend politisch linke Veranstaltungen gehen, weil ihnen eben nicht alles total egal ist. Die Kommentare unter dem Bild sind im Nachhinein betrachtet etwas zu provokant ausgefallen, sollten aber in Richtung der angesprochenen Aktivisten auf dem Fight Back Festival gehen, damit Sie ihre Stadt schön Skinhead frei halten und weiter zum Glatzenklatschen aufrufen können (ihr wisst wer gemeint ist!).

Mir ist bewusst, dass ich einigen sehr guten Freunden mit meiner Aktion das Gefühl gegeben habe, ihnen hier in den Rücken zu fallen. Ganz im Gegenteil. Wer mich kennt weiß, dass ich die Diskussion schon immer etwas anders gesehen habe. Ich habe auch nicht vor auf einen Kuschelkurs mit Stomper 98 zu gehen, wie mir das bereits vorgeworfen wurde. Ich will hier nur mal denjenigen die Augen öffnen, die gerne wegschauen wenn Menschen sich versuchen zu rechtfertigen und ich möchte denjenigen Mut machen ebenfalls den Mund aufzumachen, denen die Art und Weise wie dieses Thema mittlerweile behandelt wird gehörig auf den Nerv geht. Und das Feedback was ich persönlich hierzu erhalten habe, gibt mir a) das Gefühl hier offen Türen ein zu rennen und b) lässt es mich nachvollziehen wie manch Beschuldigter sich schier von der Masse der hinter dem Rücken kursierenden Verleumdungen mundtot machen lässt.

In diesem Sinne

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Google Bookmarks
  • Identi.ca
  • RSS
  • MySpace
  • PDF