Ein paar Worte zu den Stage Bottles und der Grauzonendebatte

Wir dokumentieren einen Diskussionsbeitrag von „Indymedia Linksunten“:

Lustig, dass es bei der sogenannten Grauzonen-Diskussion immer wieder die gleichen Argumentationsmuster zu beobachten gibt. Eins der häufigsten ist das, was Du hier schreibst: „ich hab mit denen geredet, die sagen die sind links und ich kenne ihn seit 25 Jahren“. Ich kann so eine Aussage doch nicht wirklich an persönlichen Befindlichkeiten festmachen?! Man muss doch den Gesamtzusammenhang sehen: Wie stellt sich eine Band dar und wie handelt sie? Wie und wo tritt sie auf, was hat sie für Texte und sonstige Aussagen? An welches Publikum wendet sie sich? Erst wenn ich all das berücksichtige, kann ich die Band einordnen. Und hier geht es gar nicht darum, ob eine Band jetzt „Grauzone“ ist oder nicht, sondern einfach um ein grundlegendes linkes Werte- und Normenverständnis, anhanddessen jede*r einordnen sollte, was nun für sie*ihn geht und was nicht.
Was für mich gar nicht geht, sind plumpe Pauschalisierungen. „Veganer“? „Anti-Deutsche“? Was soll dieser Angriff gegen vermeintlich homogene Massen?

In den letzten Jahren habe zumindest ich die Entwicklung der Stage Bottles beobachtet und musste auch hier eine zunehmende Entpolitisierung feststellen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter – ich denke, dass das die Stage Bottles nahezu die Augen vor diskriminierenden Mechanismen verschließen. Nachfolgend möchte ich einige Vorkommnisse nochmal erläutern.

Als erstes möchte ich von den Vorfällen im Jahr 2012 rund um das Riverside Stomp-Festival in Mainz berichten. Nach dem Riverside Stomp-Festival sind Fotos von Stage Bottles-Marcel und -Slavko mit Lars von Stomper 98 aufgetaucht. Dass es um die Band Stomper 98 wohl eine der längsten Diskussionen der letzten Jahre gab, kann man im Roten Hetzpamphlet nachlesen. (Bei Interesse einfach mal googlen oder die Ausgabe des antifaschistischen Infoblatts mit dem Schwerpunkt Grauzone, gibt’s gratis im Netz und hat auch einen Stomper 98-Artikel.) Jedenfalls ist wohl seitdem im Bereich des linken Streetpunks klar, mit wem man sich sein Bier eben nicht teilt. Für Marcel und Slavko von den Stage Bottles scheinbar nicht, wie auf den Schnappschüssen zu sehen ist. Die ganze Bild-Aktion hat einen riesigen Streit in der Szene ausgelöst, wozu Marcel letztendlich ein Statement abgegeben hat (sein Statement u. die Antwort eines seiner Band-Kumpels Hansi von Artificial Eyes kann man auf den entsprechenden Home- u. Facebookpages der Bands finden). Nach der betreffenden Mail von Hansi ist es selbsterklärend, warum ich dieses Statement von Marcel ziemlich schwammig finde und bedarf keinen weiteren Kommentar. Die ganze Sache erweckt in mir den Anschein eines trotzigen Kleinkinds. Das eigene Handeln wird nicht reflektiert, es wird als Rechtfertigung noch eher der Finger nach anderen Acts, wie Frankie Flame und den 4 Skins, ausgestreckt. Mag sein, dass diese Acts in so mancher Hater-Skala weiter oben stehen, ändert aber nichts daran, dass Stomper 98 bis dato auf jedem Konzert ein altes 4 Skins-Kult-Lied gecovert haben und sich Lars einige Wochen vor dem Foto mit Marcel auch mit Frankie Flame knipsen lassen hat. Das Argument, von sich selbst wegzugehen und auf andere zu zeigen, ist in einem riesigen Netzwerk von Oi!-Skinheads also schlichtweg unangebracht. Jedenfalls war nach diesem Statement die Sache für Marcel erledigt, Stage Bottles-Slavko ist anschließend sogar nochmal mit Stomper 98-Lars in Prag unterwegs gewesen, aber eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit den Vorfällen gab es nie. Das gleiche Muster ist hier auch bei den „AntifaS Frankfurt“ zu sehen: ich kenn die, hab mit denen gesprochen, die meinten, sie machen nichts schlimmes. Mir geht es hier auch gar nicht darum, mit wem XY mal ein Foto gemacht hat, sondern eher um inhaltliche Grundsatzdebatten.

Punkt 2 zum Thema Stage Bottles ist eine Sache, die ich ungern offen austragen möchten. Bekannt ist – und das vor allem in Frankfurt (also da, wo die Stage Bottles herkommen), dass Sänger Olaf nicht gerade abgeneigt ist, sich ordentlich abzuschießen. Soweit kein Problem. Wenn Konsumieren aber dazu führt, dass man mit zwielichtigen rechten Hooligans abstürzt, wird es für ein linkes Selbstverständnis sehr wohl zum Problem. Als die ersten ‚Beweisfotos‘ intern auftauchten, gab es auch sofort eine Erklärung dafür: Soziale Arbeit mit rechten Hooligans. Mag sein, dass Olaf mit Soziale Arbeit auch schon bei den hinterletzten Stumpfbirnen einen Ausstieg erzielen konnte, aber gemischt mit Partykonsum, ist es nun mal keine Soziale Arbeit mehr mit rechten Hooligans rumzuhängen, höchstens akzeptierende. Natürlich fällt es schwer, diesen Punkt zu belegen. Möchte ich auch gar nicht, da zum einen die Gesetzeshützer gern über Linksunten wachen, zum Anderen liegt es mir fern, gewisse Bilderchen von einer eigentlich mal linken Band im Internet zu verbreiten.

Punkt 3 ist die für mich unverständliche Konzertpolitik der Band Stage Bottles. Leider musste ich wiederholt feststellen, dass die Stage Bottles, trotz Wissens, auf Konzerten der sogenannten Grauzone gespielt haben. Unter Grauzone verstehe ich dabei eine recht undefinerte Hilfskontruktion, welche ich für heterogene Mileus verwende, die zumeist ein erklärt anti-politisches Selbstverständnis haben und strukturelle sowie inhaltliche Verbindung zur Rechten aufweisen. Für mich ist es wichtig, gerade diese, für viele unangehme, Angelegenheit in den Szenen und Subkulturen, in denen wir uns bewegen, nochmals zu thematisieren und aufzuzeigen. Klar fällt die Grauzonendiskussion gerade deswegehn nicht leicht, da dieser Begriff nur eine Hilfskontruktion ist und meist nicht viel aussagt. Mir ist für eine Linke, in der wir uns bewegen, wichtig, dass wir ein politisches Selbstverständnis verfolgen. Unsere Rückzugsorte bieten eine wichtige Plattform zum Austausch und sollen keinen reaktionären Männerstammtisch weichen! Wenn Stage Bottles, die immerhin noch linke Texte haben, für die „AntifaS Frankfurt“ klargehen, dann ist das halt ihr Ansatz. Meiner wäre es nicht, da er mit meinem Selbstverständnis nicht konform geht, solang gewisse Dinge einfach nicht geklärt sind.

Lange Zeit konnte ich zumindest bei den Stage Bottles nachvollziehen, dass es auch ihnen wichtig ist, sich nicht nur in einer linken Blase einzuschließen, sondern auch an umstritteneren Orten Präsenz zu zeigen, um auch „Leute außerhalb der linken Blase zu erreichen“. All dies hatte jedoch keinen Einfluss auf die anderen Bands, die Booking-Politik der jeweiligen Veranstaltenden (z.B. „MAD Tourbooking“), da diese weitermachen wie zuvor, bei kritischen Gesprächen zudem relativieren und bagatellisieren. Kurz gesagt: da ist den Veranstaltenden der Geldbeutel näher als eine antifaschistische Grundhaltung gewesen.

Nun kam es im letzten Jahr vermehrt zu Diskussionen um die Stage Bottles, sei es im Bezug auf das bereits erwähnte Konsumverhalten, den damit einhergehenden Ansatz der ‚akzeptierenden Jugendarbeit‘, die Schnappschüsse von Stage Bottles-Gitarristen Marcel mit Stomper 98-Lars als auch letztendlich deren Auftritt auf dem letztjährigen Spirit from the Streets-Grauzone-Festival neben den Bands Stomper 98, Jenny Woo, Lammkotze usw. (siehe http://www.springtoifel.de/gfx/spiritfestival2013.gif), der für viele von uns das Fass zum Überlaufen gebracht hat. (Hier gibt es ein Statement der Stage Bottles zu ihrem Auftritt beim Spirit from the Streets-Festival: http://oireszene.blogsport.de/2013/01/08/statement-der-stage-bottles-zur…)
Ich halte es für äußerst naiv oder gar fragwürdig zu glauben, dass man sich als Band zwischen „Hoch den Rock, rein den Stock“ (Band: Die Kassierer) und „Wer trinkt mit uns Männern Bier? Renee Renee. Wer ist auch stolz auf unser Vaterland? Renee Renee.“ (Band: Lammkotze) auf einem Festival wie dem Spirit from the Streets in aller Ruhe mit den Veranstaltenden, Interpreten oder Fans selbiger Songs über linke Politik austauschen könnte. Antifaschismus ist kein Kulturgut und im Vollsuff der meisten Anwesenden zwischen Sexismen und stumpfen Patriotismus aus den Boxen sicherlich reichlich deplatziert. Natürlich gibt es auch Formen von Sozialarbeit, die man bei derartigen Vorkommnissen anwenden könnte, aber diese sollte dann vor allem nüchtern und auf neutralem Boden, nicht etwa als entgeltlicher Band-Support, stattfinden.

Einen Fehler zu machen ist entschuldbar, „aber wenn die gleichen Fehler am laufenden Band passieren, dann ist entweder gehörige Blödheit am Start oder es steckt n Plan dahinter.“ heißt es in einem Statement zu den Vorfällen eines ehemaligen Mietglieds der Artificial Eyes. (siehe http://red-skins.de/freiraume-und-soziale-kampfe/offener-brief-vom-ehema…)

Bis Anfang 2013 haben außerdem 3 Mitglieder der Stage Bottles bei der antifaschistischen Oi!-Band Artificial Eyes gespielt, die Zusammenarbeit wurde schlussendlich nach hitzigen Diskussionen um die Vorfälle beendet. Hierbei war vor allem auch die Konzertpolitik der Stage Bottles ein Thema.

Um das alles nochmal abzuschließen: ich glaube, dass eine Gesellschaft frei von Diskriminierung und Ausgrenzung in jeglicher Form möglich ist.
Subkulturen dienen für viele, auch für mich, dabei als Rückzugsorte, aber auch dafür, um Inhalte zu transportieren und Leute überhaupt erst mit bestimmten politischen Ideen in Berührung kommen zu lassen. Deshalb sind auch linke Veranstaltungen oder Acts wie ihr so wichtig.

Gerade in Subkulturen, die sich selbst als links-alternativ verstehen – wie Punk oder Hardcore, muss es darum gehen diesen Anspruch, der oftmals jahrelang erkämpft wurde, jeden Tag auf’s Neue zu verteidigen. Und genau deshalb möchte ich nochmals explizit auf die Band Stage Bottles hinweisen, die mit durch die aufgezeigten Vorfälle Bauchschmerzen bereitet. Nur weil bestimmte Bands oder Einzelpersonen mal „cool“ oder „politisch voll korrekt“ waren, heißt das nicht, dass sie es immer sein müssen. Menschen verändern sich und das nicht immer im progressiven Sinne. Wenn einstige „Idole“ anfangen ihren Anspruch zurückzuschrauben, willentlich Geld in die Kasse fragwürdiger Veranstaltender spielen, sich vollkommen unkritisch neben patriotischen und sexistischen Inhalten eine Plattform teilen oder gar mit Nazis rumhängen, kann das nicht mit dem Verweis auf ihre früheren Verdienste für die „Szene“ vom Tisch gewischt werden. Ein linker oder antifaschistischer Selbstanspruch ergibt sich nicht aus dem Handeln in der Vergangenheit. Nein, er muss immer wieder neu unter Beweis gestellt werden, wir möchten Veränderung, Fortschritt und Bewegung. Und das gilt nicht nur für die Leute auf der Bühne, sondern für alle – auch für die befreundete Punker-Clique, die Menschen im gemeinsamen Hausprojekt, die lokalen Antifagruppen und letztendlich auch für Musik-Labels, Fanzinemachende oder Veranstaltende. Wer die Augen vor rechtsoffenen Tendenzen verschließt, trägt nur dazu bei, dass sich immer mehr politisch-fragwürdige Gestalten in der „Szene“ breit machen können, die keinen Willen haben für eine Veränderung zu kämpfen, lediglich kultur- und spaßorientiert sind und den politischen Anspruch somit weiter aufweichen.

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