Agnostic Front: Rechte Ideologie im HC-Punk

Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Gastbeitrag über die NYHC-Band „Agnostic Front“ und bedanken uns zugleich an dieser Stelle beim Autor!:

Im Zusammenhang mit einer antifaschistischen Kritik an der US-amerikanischen HC-Punk-Band Agnostic Front (AF) wird von ihren Verteidiger_innen immer wieder auf einen aus europäischer Sicht >missverstandenen< US-amerikanischen Verfassungspatriotismus hingewiesen, „der aus deutscher Sicht nur schwer zu verstehen ist, aber nicht zur Diskreditierung einer Band als >rechts< taugt.“ So die exemplarische Verteidigung der Band durch den Herausgeber des Ox-Fanzines, Joachim Hiller, in einem Review der Neuauflage des Albums “Victim in Pain.“ (1) Dabei beruht die Kritik an AF keineswegs >nur< auf einen aus europäischer Sicht missverstandenen Patriotismus, wie er von der Band beispielsweise durch die Aufforderung des gemeinsamen Aufsagens des Treuegelöbnisses der „Pledge of Allegiance“ auf dem Live-Album “Live at CBGB“ und der Abbildung der US-amerikanischen Flagge auf den Covern der Alben “Cause for Alarm“, “Liberty & Justice“ und “Live at CBGB“ propagiert wird.

Neben dem Einschwören auf die Nation bedienen Agnostic Front gleichzeitig auch den >Sozialneid< der Wirtschaftschauvinisten, indem sie gegen >Sozialhilfe< und >Einwanderung< hetzen und damit klassische Themen der Rechten verbreiten. „You spend your life on welfare lines. Or looking for handouts why don't you go find a job. You birth more kids to up your checks. So you can buy more drugs cash in food stamps and get drunk. Uncle Sam takes half my pay. So you can live for free. I got a family and bills to pay. No one hands money to me... I say make them clean the sewers. Don't take no resistance. If they don't like it go to hell. And cut their public assistance“ , heißt es im Song “Public Assistance“(2) , der 1986 auf dem Album “Cause For Alarm“ veröffentlicht wurde und sich seitdem zum >Hit< und Live-Klassiker der Band entwickelte. Der hohe Stellenwert des Songs spiegelt sich auch in der Berücksichtigung für die Live-DVD “Live at CBGB“ wider, die das deutsche Label Nuclear Blast 2006 veröffentlichte. Bei Nuclear Blast wird im April 2015 auch das neue Album „The American Dream Died“ erscheinen, das von der Band vorab kommentiert wurde. „New York City hat viele Ecken und Kanten. Es wurde seiner Kultur beraubt und vom Geld überrannt. Daher ist es so hart für Musiker und Künstler, dort zu leben. Jetzt sind wir umgeben, von Einwanderern und reichen Hipstern. Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen, es ist nicht mehr das NYC, das ich einst so bewundert habe. Da in einem meiner Lieblingsfilme „Taxi Driver“ so gut dokumentiert ist. Daher das Intro, ich vermisse das alte New York“ (3), lautet der Kommentar zum Song “Old New York“, der >Einwanderer< als Bedrohung und Feindbild aufzählt und damit fremdenfeindliche Ressentiments bedient und schürt.

Im Song “Social Justice“ greift die Band ein weiteres Thema der Rechten auf. „Nichts ist widerlicher, als wenn ein erwachsener Mann ein Kind vergewaltigt. In diesem Song geht es darum, dass ein Mann genau dabei erwischt wird und auf der Straße mit Messerstichen gerächt wird. Der Gerechtigkeit wurde genüge getan!“ (4), verherrlicht die Band Selbstjustiz und verpackt die rechte Forderung „Todesstrafe für Kinderschänder“ in ein >alternatives< Gewand, mit dem sich inhaltlich jeder Neonazi identifizieren kann. Das Thema >Selbstjustiz< hat die Band bereits schon 1984 im Song “Shoot The Lord“ verarbeitet. „He's his own police. Fourteenth Street station. This could be the night. December, he's heavily sweating. Collar feels too tight. Tired of being preyed upon. By the scum of the earth. Tonite he'll be the predator. Someone's gonna get hurt... Finger on the trigger. Got more than they asked for. A split second without thinking. Hot gun in his hand. Four shots of blood. Bernie gets his man. Now he stands trial. A criminal he's told. But he got the satisfaction. Of shooting his load“ (5), heißt es im Song, der den Fall von Selbstjustiz von Bernhard Goetz thematisiert, der am 22. Dezember 1984, bei einem an ihm versuchten Überfall, vier afroamerikanische Jugendliche in New York niederschoss und zum Teil schwer verletzte. Der Vorfall erlangte Publicity und Goetz wurde als >the Subway Viligante< zum Sinnbild für Selbstjustiz.

Die Vernichtung von imaginären Feinden propagiert die Band auch im “The Eliminator“ und lässt darin Platz für Interpretationen. „Killing's my business and business is fine... Hanging or lethal injection. Gas chamber - take a last breath. Firing squad, electrocute, we'll execute! More than one face of death. Kill 'em all, let God sort 'em out. A soldier of fortune, I'll wipe 'em all out.“ (6)

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass Agnostic Front Ressentiments gegenüber sozial bedürftige Personen und Einwanderer verbreiten, die Selbstjustiz verherrlichen und damit ideologische Versatzstücke und Themen der extremen Rechten propagieren. Die Band geriert sich damit als der Typ >Wutbürger< , der in Deutschland momentan unter dem Label PEGIDA (Patrioten in Europa gegen die Islamisierung des Abendlandes) auf der Straßen demonstriert und sich dabei für keinen >Rassisten< hält.

Quellen:

(1) Ox-Fanzine '# 88, Feb. / März 2010, Seite 88

(2) Public Assistance; “Cause For Alarm“, Relativity Records, 1986

(3) www.nuclearblast.de/de/label/music/band/news/details/3741112.71021.agnostic-front-kommentieren-neues-album.htm

(4) Ebd.

(5) Shoot His Load; “Cause For Alarm“, Relativity Records, 1986