Nazipunk in Sachsen – zwischen Subkultur, Kameradschaftsszene und NSU

Quelle: Don‘t call it music

1994 in Riesa gegründet, ist “Selbststeller” eine der dienstältesten Nazibands in Sachsen. Ähnlich wie die ebenfalls aus Riesa stammenden Nazibands “Die Weissen Riesen” und “Bürgerwehr” kann man die Rechtsrocker von “Selbststeller” dem internationalen “Blood & Honour”-Netzwerk zuordnen. Regional ist die Band an die Kameradschaft “Bootboys Riesa” angebunden, die ebenfalls seit den Neunziger Jahren besteht. Deren Kürzel “22” (“BB”) findet man auf Kleidung und CDs der Band, die ihre Musik selbst als “Zankrock” bezeichnet.

Sänger der Naziband “Selbststeller” ist der langjährig aktive Neonazi Axel T. aus Riesa. Die erste Gitarre spielt der ebenfalls aus Riesa stammende Berufssoldat Nico H., am Schlagzeug sitzt Volker H.. Den Bass spielt seit einigen Jahren Teresa R. (geborene T.) aus dem ostsächsischen Wilthen. Ihr Ehemann Morris “Miesl” R. war bis Anfang 2017 zweiter Gitarrist. Er wurde im Frühjahr 2017 durch den Neonazi Tom H. aus Riesa ersetzt.

“Selbststeller” sehen sich selbst zwar selbst als Punkrock-Band und sind dadurch auch innerhalb der oft als “Graunzone” bezeichneten rechtsoffenen Szene beliebt, ihre Texte sprechen allerdings eine klare Sprache. Auf ihrem im Jahr 2010 beim Nazilabel “OPOS Records” erschienenen Album “Bumm Bumm Rattatta Klick Klack Peng” heißt es etwa in dem gleichnamigen Lied, das sich drohend gegen Geflüchtete richtet: “Wir treten euch entgegen mit Wort und Ton, doch es bleibt nicht bei Gitarre, Schlagzeug, Bass, Mikrofon, denn wir befreien die Nation aus euren Fängen mit Bumm Bumm Rattatta Klick Klack Peng.”

Axel T. und Morris R. bilden zusammen mit dem Schlagzeuger Tobias Sch. die 2013 ins Leben gerufene Nazipunk-Band “Pro Patria”. Schütze ist bereits durch sein Mitwirken bei der Brandenburger Rechtsrock-Band “Confident of Victory” bekannt.

Morris R. war auch Kopf und einziges durchgehendes Mitglied der 2004 in Wilthen gegründeten Naziband “Donars Groll”. Die Besetzung der Gruppe, die später als “The Granits” firmierte, wechselte häufig. Zu “Donars Groll” gehörten u.a. Teresa “Rese” R., Sebastian Sch., die Schlagzeuger Daniel I. und Marco T. sowie der mittlerweile im Raum Chemnitz lebende Mirko “Barny” Sz.. “Donars Groll” bezeichnet ihre Musik als “Viking Rock”. Liedtexte wie “Hear this Voice! We play white noise”, eine Anspielung auf das rassistische Lied “White Noise” der Naziband “Skrewdriver”, verdeutlichen die Zugehörigkeit von “Donars Groll” zur Neonazi-Musikszene. So überrascht es nicht, dass die Band unter ihrem späteren Namen “The Granits” eine Split-CD mit der personell eng verflochtenen Naziband “Selbststeller” veröffentlichte.

“Donars Groll” sind nicht die einzigen Rechtsrock-Akteure in der ostsächsischen Kleinstadt Wilthen, die ansonsten nur für ihre Spirituosenfabrik bekannt ist. In der Dresdener Straße 43 betreibt der Neonazi Markus R. seit vielen Jahren das Kleidungsgeschäft “Nordland Wilthen” alias “O-Lausitzer-Store”, das u.a. die Nazimarken “Label 23” und “Thor Steinar” im Angebot hat. Markus R. bildet zusammen mit Sven K. und anderen Neonazis die Bautzner “RAC”-Band “Asatru”, deren Lieder durch Refrains wie “Unser Schlachtruf der ist geil, achtundachtzig und Sieg!” auffallen. Sven K. war auch Mitglied der Naziband “Revision 39”. R.s “Nordland Wilthen” sponsort den Fußballverein “SV Bautzen” und den Sportverein “SV Post Germania Bautzen”. Rose selbst kann dem Umfeld der Kameradschaft “Sturm 24 Bautzen” zugerechnet werden.

Angesichts der oben genannten Verflechtungen mutet es schizophren an, dass die Mitglieder und Freunde von “Selbststeller” sich immer wieder auf unpolitischen Punk-, Hardcore- und Oi-Konzerten bewegen – und das meist ohne Konsequenzen. Bei einem Konzert der Oi-Band “Cock Sparrer” im November 2017 in Dresden wurden jedoch Neonazis herausgeworfen. Darunter laut eigenen Angaben auch Morris R., Volker H. und dessen dänische Ehefrau Mette M..

Morris R. hat “Selbststeller” zwar vor Kurzem verlassen, ist aber in einem anderen Zusammenhang weiterhin aktiv: als Sänger der im Jahr 2016 gegründeten Naziband “True Aggression”. Dort sitzt der in der Rechtsrock-Szene omnipräsente Tobias W. am Schlagzeug. Den Bass spielt Christoph D. aus Schönbach (Sachsen). “True Aggression” spielten schon einige Konzerte und lassen, obwohl sie sich ähnlich wie “Selbststeller” als Punkband präsentieren, keine Zweifel an der Ideologie, die sie durch ihre Musik vermitteln wollen. Das Motto der Band lautet “444”, ein in der Naziszene gebräuchliches Erkennungsmerkmal und Code jeweils für den vierten Buchstaben im Alphabet, also “DDD” – “Deutschland den Deutschen”.

Bei dem Rauswurf vom “Cock Sparrer”-Konzert will auch Stefan K. aus Neugersdorf vor Ort gewesen sein. K. ist Sänger der 2006 gegründeten Naziband “If we die tomorrow”, deren selbstbetiteltes Debütalbum auf dem Dresdner Nazilabel “OPOS Records” erschien. Im Jahr 2008 wurde im Rahmen der Ermittlungen um die mutmaßliche “Blood & Honour”-Nachfolgeorganisation “Division 28” Anklage gegen Stefan K. erhoben.

Wie selbstverständlich Neonazis sich in der alternativen Subkultur bewegen, verdeutlicht auch der Besuch von Kathrin “Mappe” D. aus Chemnitz bei dem “Cock Sparrer”-Konzert. Sie galt als exponierte Persönlichkeit im “Blood & Honour”-Netzwerk in Sachsen, welches die Rechtsterroristen des “Nationalsozialistischen Untergrunds” (NSU) unterstützte. Deshalb musste D. auch im NSU-Prozess aussagen.

Auch in anderen sächsischen Städten bewegen sich Neonazis teilweise offen in der linken Subkultur und antirassistischen Kreisen. Etwa Michael “Schmitti” Sch. aus dem Raum Zwickau, der seit einiger Zeit in Leipzig wohnt. Schmidt spielte einst in der Naziband “Ohne Worte”, gemeinsam mit Benjamin K., der heute dem “Hells Angels”-Unterstützerclub “Bloodline MC” in Zwickau angehört und im Chemnitzer “Heaven of Colours” als Tätowierer arbeitet. Heute ist Michael Sch. Schlagzeuger der Chemnitzer Naziband “Overdressed”. Er fiel wenige Tage nach der Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 durch eine Unterhaltung mit dem NSU-Unterstützer, V-Mann und Rechtsrocker Ralf “Manole” Marschner in einem sozialen Netzwerk auf. Einen Kommentar von Marschner mit den Worten “Trink ordentlich Heil NSU…..Hahaha” beantworte Sch.: “einmal Döner mit viel nsu ihr fotzen”. In einem anderen Beitrag veröffentlichte Sch. ein Foto von sich vor dem abgerissenen Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße, das dem NSU zuletzt als Unterschlupf gedient hatte.

In Leipzig bewegt sich auch Christian S. unbehelligt in subkulturellen Kreisen. Er ist Sänger der rechtsoffenen Bands “Gerbenok” und “Martens Army” und saß vorübergehend bei der Grauzoneband “Krawallbrüder” am Schlagzeug. “S.” pflegt Kontakt zu Neonazis wie beispielsweise Denis W. aus Weimar, der – wenn er nicht gerade mit Hitlergruß posiert – derzeit eine Ausbildung zum Sozialarbeiter absolviert. Stöbes Ex-Freundin Theresa Sch. war später mit dem fränkischen “Hammerskin” Tony G. und dem “TreueOrden”-Bassisten Rocco B. liiert.

Ein unvollständiger Abriss des Konzertgeschehens, an dem die oben genannten Musiker mitwirkten:

20. Mai 2000 Auftritt von “Revision 39” in der Sächsischen Schweiz, u.a. mit “Magog” (Pirna) und “Totenburg” (Gera)

7. September 2002 Auftritt von “Selbststeller” im “Deutsche Stimme”-Verlag der NPD in Riesa, zusammen mit “Sturm & Drang” (Senftenberg), “Sleipnir” (Nordrhein-Westfalen) und “Spreegeschwader” (Berlin)

6. August 2005 Auftritt von “Selbststeller” in Saarbrücken, u.a. mit “Hauptkampflinie” (Kassel) und “Sonderkommando Dirlewanger” (Gotha)

5. November 2005 Auftritt von “Selbststeller” in Sachsen, u.a. mit “Civico88” (Italien) und “Faustrecht” (Allgäu)

3. März 2007 Auftritt von “Selbststeller” in Norddeutschland, u.a. mit “Endstufe” (Bremen) und “Killerbabies” (Großbritannien)

24. Januar 2009 Auftritt von “Ohne Worte” in Crimmitschau (Sachsen), u.a. mit “I don’t like you” und “Spy Kids” (beide Thüringen)

14. März 2009 Auftritt von “Donars Groll” in Zittau (Sachsen), u.a. mit “Thematik 25” (Leipzig) und “Civil Disorder” (Sachsen-Anhalt) auf der Feier zum 17-jährigen Bestehen des “Nationalen Jugendblock Zittau”

23. Januar 2010 Auftritt von “Ohne Worte” in Domžale (Slowenien), u.a. mit “Blitzkrieg” (Chemnitz) und “Sturmtrupp” (Bayern)

10. April 2010 Auftritt von “Donars Groll” in Bautzen (Sachsen), u.a. mit “Steelcapped Strenght” und “Storm of Mind” (Wurzen)

4. Dezember 2010 Auftritt von “Donars Groll” und “Selbststeller” in Ostsachsen, u.a. mit “Strongside”

26. Oktober 2013 Auftritt von “Selbststeller” im NPD-Büro Odermannstraße 8 in Leipzig, u.a. mit “Pitbullfarm” (Schweden) und “Abtrimo” (Hamburg)

31. Juli 2014 Auftritt von “Selbststeller” in Schweden beim rechten “Kuggnäsfestival”, u.a. mit “Pitbullfarm” (Schweden) und “Citizen Keyne” (Großbritannien)

29. August 2015 Auftritt von “Selbststeller” im Torgauer Ortsteil Staupitz (Sachsen), u.a. mit “Verboten” (Bayern/Sachsen) und “Mistreat” (Finnland)

7. Mai 2016 Auftritt von “Selbststeller” in Bologna (Italien), u.a. mit “Jolly Rogers” (Spanien) und “Honor Bialy Front” (Polen)

16. April 2017 Auftritt von “True Aggression” im Torgauer Ortsteil Staupitz (Sachsen), u.a. mit “Bound for Glory” (USA)

29. April 2017 Auftritt von “True Aggression” in Rosenthal-Bielatal (Sachsen), u.a. mit “Barricades” (Sachsen-Anhalt) und “Kodex Frei” (Baden-Württemberg)

6. Mai 2017 Auftritt von “True Aggression” in Kirchheim (Thüringen), u.a. mit “March or die” (Großbritannien) und “Abtrimo” (Hamburg), organisiert von den “Hammerskins Franken”

2. Dezember 2017 Auftritt von “Overdressed” in Kirchheim (Thüringen), u.a. mit “Schusterjungs” (Sachsen-Anhalt) und “Smart Violence”, organisiert von den “Hammerskins Franken”

Quelle und Bilder hier.

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