Archiv der Kategorie 'Blick zurück'

Das NSU-UnterstützerInnenumfeld zwischen Chemnitz und Zwickau

Während wir im Antifaschistischen Infoblatt (AIB) Nr. 112 über die westsächsische Neonazi-Szene zwischen 1990 und 2002 berichteten, widmen wir uns nun der Zeit von 2002 bis zur Gegenwart. Wir erinnern uns: Anfang 2002 zog der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) aus Chemnitz in die Zwickauer Polenzstraße. Das brachte zwar Veränderung in ihren Alltag im Untergrund, das UnterstützerInnen-Netzwerk und dessen Umfeld blieb jedoch ein ähnliches.

Chemnitz strukturiert sich neu

MEHR ZUM THEMA

AIB 111 / 2.2016 | 14.07.2016
Das Netzwerk des NSU zwischen Chemnitz und Zwickau.
Dossier
Blood & Honour Sachsen
AIB 68 / 4.2005 | 13.09.2005
Fight Club Sachsen
Nach dem Verbot von „Blood & Honour Deutschland“ (B&H) und den internen Streitigkeiten innerhalb der B&H-nahen „Skinheads Chemnitz/88er“ mussten deren Protagonisten neue Wege finden, um Chemnitz auch weiterhin als bundesweit relevanten Dreh-und Angelpunkt der Szene halten zu können.

Einer der Leitfiguren der früheren B&H-Struktur und Bekannter des NSU-Trios, Hendrik Lasch, begann Anfang der 2000er Jahre den rechten Streetwear-Laden „Backstreetnoise“ (BSN) aufzubauen, dessen Räume damals das Bundesvermögensamt (!) vermietete. Aufgrund antifaschistischer Proteste musste das Geschäft 2004 umziehen, allerdings nur ein paar Straßen weiter innerhalb des Plattenbau-Gebiets, in dem auch der NSU vor 2002 zwei Wohnungen unterhielt. Lasch, der Uwe Mundlos in dessen Unterschlupf noch Ende der 1990er Jahre besuchte und dabei von Mundlos entworfene Zeichnungen auf T-Shirts druckte und verkaufte, ist bis heute in die Geschäftsleitung des BSN eingebunden.

Weiterlesen

(Nicht)Aufklärung mit vielen Fragen

Der Düsseldorfer Wehrhahn-Anschlag im Jahr 2000

Am 27. Juli 2000 soll Ralf S. auf dem S-Bahnhof Wehrhahn per Fernsteuerung und mit Sicht auf die Opfergruppe einen selbst gebauten TNT-Sprengsatz zur Detonation gebracht haben. Am 1. Februar 2017 wurde er in seinem Wohnort Ratingen verhaftet. Der Hauptvorwurf: Zwölffacher Mordversuch – heimtückisch, gemeingefährlich, aus niederen Beweggründen und „in fremdenfeindlicher Absicht“.
Ziel des Anschlags war eine Gruppe Migrant_innen aus der ehemaligen UdSSR, die meisten von ihnen Jüdinnen und Juden. Zehn von ihnen wurden teilweise lebensgefährlich verletzt, das ungeborene Kind einer Frau wurde getötet. Alle besuchten einen Sprachkurs der Bildungseinrichtung ASG, der unweit des S-Bahnhofs auf der Ackerstraße angeboten wurde. Im Gegensatz zu den späteren NSU-Morden und -Anschlägen wurde in den Medien und von führenden Politiker_innen ein rechter Hintergrund als möglich bis wahrscheinlich eingeschätzt.
Nachdem Polizei und Staatsanwaltschaft Anfang Februar 2017 mit reichlich Lob überschüttet worden waren, legten sich während der 52. und 53. Sitzung des Parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschusses (PUA) des NRW-Landtags am 7. und 17. Februar dieses Jahres Schatten über das Geschehen. Offen blieb, woran es gescheitert war, dass der mutmaßliche Täter nicht schon viele Jahre früher dingfest gemacht werden konnte. Und welche Rolle die Inlandsgeheimdienste beim Tatkomplex Wehrhahn gespielt haben.

Weiterlesen

blick.zurück – Rechter Terror in Potsdam oder „nur“ eine Nationale Bewegung?

Via „Inforiot“ – Sehr lesenswerter Artikel vom „Antifaschistisches Pressearchiv Potsdam“:

Min­des­tens vier­zehn Anschläge und Pro­pa­gan­da­ak­tio­nen inner­halb eines Jah­res. Bekenner_innenschreiben mit, auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus bezo­ge­nen, her­ge­lei­te­ten his­to­ri­schen Datie­run­gen. Men­schen­ver­ach­tende Dro­hun­gen und Anschläge gegen­über der Jüdi­schen Gemeinde, der Kam­pa­gne gegen Wehr­pflicht, Haus­pro­jek­ten, Imbis­sen und kul­tu­rel­len Anti-Neonazi-Veranstaltungen – und keine der Täter_innen wur­den bis­her ermit­telt.

Wie kann das sein?

Nach der Beob­ach­tung der Ermitt­lun­gen im Kom­plex des Natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Unter­grund – NSU – muss die Frage gestellt wer­den, ob nicht auch an die­ser Stelle, in der Auf­ar­bei­tung und Ermitt­lung gegen die Natio­nale Bewe­gung, Infor­ma­tio­nen durch staat­li­che Behör­den zurück­ge­hal­ten und ver­tuscht wur­den.

Spä­tes­tens heute, fünf­zehn Jahre nach dem letz­ten bekann­ten Anschlä­gen der Natio­nale Bewe­gung am 30. Januar 2001, ist es an der Zeit, eine Auf­ar­bei­tung der Ereig­nisse um die selbst ernannte neonazistisch-militante Grup­pie­rung Natio­nale Bewe­gung zu for­cie­ren. Einen Anfang wol­len wir mit die­sem Text machen. Weil die Infor­ma­ti­ons­lage über die Natio­nale Bewe­gung und das sie umge­bende neo­na­zis­ti­sche Umfeld unein­deu­tig und teils wider­sprüch­lich ist, kön­nen wir keine Gewähr für die hier dar­ge­stell­ten Infor­ma­tio­nen über­neh­men. Der Arti­kel fußt auf Recher­chen in den Archi­ven des Anti­fa­schis­ti­schen Pres­se­ar­chiv Pots­dam (APAP) und des Anti­fa­schis­ti­schen Pres­se­ar­chiv und Bil­dungs­zen­trum Ber­lin (APABIZ).

Weiter
(mehr…)

[FFM] Vertuscht und Verschwiegen: Neonazistischer Mordanschlag auf Linke im Jahr 2000

Verdammt gute und lesenswerte Recherche u.a. zu „Blood & Honour“– und „Combat 18″-Strukturen in Hessen:

Im September 2000 gab es in Frankfurt einen Mordanschlag auf Linke. Dank glücklicher Umstände explodierte der unter einem Auto angebrachte Sprengsatz nicht. Fast 15 Jahre später berichtete die Frankfurter Rundschau erstmals öffentlich von den Ereignissen. Nun zeichnen wir in diesem Hintergrund-Papier die Aktivitäten militanter Neonazis zu dieser Zeit im Rhein-Main-Gebiet nach, beleuchten das politische und soziale Umfeld der von dem Anschlag Betroffenen und erheben schwere Vorwürfe gegen Polizei und Staatsanwaltschaft.

Der neonazistische Mordanschlag auf Linke in Frankfurt im Jahr 2000 und was wir dazu zu berichten haben … Einblicke in den Neonazi-Untergrund im Raum Frankfurt.

Der Mordanschlag im September 2000

Die Frankfurter Rundschau berichtete am 15. Mai 2015 in dem Artikel „Der Anschlag”: In den ersten Septembertagen des Jahres 2000 gab es in Frankfurt am Main einen neonazistischen Mordanschlag auf drei Menschen. Am PKW einer Antifaschistin und eines Antifaschisten hatten Unbekannte zwei Stangen mit metallischem Natrium (im Folgenden: Natriumstangen) angebracht, die in Verbindung mit Wasser hochexplosiv reagieren. Die Betroffenen – Bastian, Ulrike (Namen geändert) und ihr wenige Monate altes Kind – hätten bei einer Explosion wenig Überlebenschancen gehabt.

Mindestens 100 Kilometer waren Bastian, Ulrike und ihr Baby am 3. September 2000 mit den unter der Auspuffanlage ihres Autos befestigten Natriumstangen gefahren, bis diese entdeckt wurden. Sie hatten Glück im Unglück. Es regnete nicht während ihrer Fahrt, die Straßen waren feucht aber ohne Pfützen. Ein Magnet, der am Auspuff angebracht war, lässt vermuten, dass die TäterInnen neben den Natriumstangen weiteres Material befestigt hatten, das während der Fahrt abgefallen war – möglicherweise ein Gefäß mit Wasser, das, wäre es am heißen Auspuff durchgeschmort, Wasser freigesetzt und die Explosion ausgelöst hätte.

Sehr dürftige polizeiliche Ermittlungen

Heute wie damals spricht alles für einen neonazistischen Anschlag auf Linke. Dennoch – oder gerade deshalb: Die Ermittlungen des Frankfurter Staatsschutzes zu dem Mordanschlag waren äußerst dürftig. Es stellt sich die Frage: Konnten sie nicht, wollten sie nicht oder sollten sie nicht? Offenbar ergänzten sich beim Frankfurter Staatsschutz Inkompetenz, Ignoranz und Unwillen.

Obwohl der Polizei zwei Wochen nach dem Anschlag klar war, dass die Natriumstangen bei einer Explosion „das Auto mehrfach zerfetzt” hätten (Zitat siehe Frankfurter Rundschau), ermittelte sie nur wegen des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz und nicht wegen eines geplanten Tötungsdeliktes. Das ist absurd. Doch konnten so der Ermittlungsaufwand geringer gehalten und die Akten schneller geschlossen werden. Bereits im Januar 2001 – nicht einmal fünf Monate nach dem Anschlag – wurden die Ermittlungen eingestellt. Auch verfolgte die Polizei in den Ermittlungen lediglich (und unvollständig) den Weg der Natriumstangen und die Frage, wer diese gestohlen und an wen weitergegeben hatte. Naheliegenden Fragen wurde nach unserem Erkenntnisstand nicht nachgegangen:

Welche Neonazistrukturen könnten für diesen Anschlag verantwortlich sein? Wer hatte die Motivation, das Knowhow, das Konzept, um diesen Anschlag durchzuführen? Und wer hatte zugleich einen „Zugang” zu den Betroffenen?

Im Abschlussgespräch vor der Einstellung der Ermittlungen gab der Ermittlungsführer des Frankfurter Staatsschutzes gegenüber Bastian, Ulrike und ihrem Anwalt offen zu verstehen, dass es keine organisierten Neonazistrukturen im Frankfurter Raum gäbe, denen ein derartiger Anschlag zuzutrauen sei. Nicht nur antifaschistische Recherchen zeigen etwas ganz anderes, auch die Polizei wusste es zu diesem Zeitpunkt besser. Deswegen muss nun insbesondere aufgearbeitet werden, warum die Polizei bestimmte Fakten und ihnen vorliegende Erkenntnisse nicht in die Ermittlungen einführte.

Wir wissen nicht, wer Bastian, Ulrike und ihr Kind beinahe getötet hätte. Die nachfolgende Abhandlung soll dazu dienen, die Hintergründe und Milieus zu beleuchten, die in diesem Anschlag eine Rolle gespielt haben könnten. Es gab zu dieser Zeit im Rhein-Main-Gebiet militante Neonazistrukturen, die Waffen beschafften, paramilitärische Gruppen bildeten, Untergrundkonzepte verfolgten und in entsprechende Netzwerke eingebunden waren. Ihnen war der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Fachhochschule (FH) Frankfurt, in dem Bastian mitarbeitete, als „antifaschistische Institution” bekannt und verhasst. Diese Neonazistrukturen wollen wir nach unserem Kenntnisstand offenlegen.

Zur Zeit finden in Wiesbaden die Sitzungen des Untersuchungsausschusses zum Mord des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) am 6. April 2006 an Halit Yozgat in Kassel statt. Von den Expertinnen und Experten, die in den bisherigen Sitzungen gehört wurden, konnten bislang allenfalls die Journalistin Andrea Röpke und der Journalist Dirk Laabs Fachwissen einbringen. Andere Expertisen – gerade der Behörden – überboten sich mit steilen Thesen darüber, dass es in Hessen in den frühen 2000er Jahren keinen militanten Neonaziuntergrund und beispielsweise auch keine Kontakte hessischer Neonazis nach Thüringen in das weitere Umfeld des NSU gegeben habe. Ein Blick alleine in das militante Neonazimilieu im Raum Frankfurt um das Jahr 2000 widerlegt dies eindrücklich.

Weiter
Der vollständige Text als PDF: Vertuscht und Verschwiegen: Der neonazistische Mordanschlag auf Linke in Frankfurt im Jahr 2000
(mehr…)

Hammerskin Roland: Tod eines Spitzels

Die „Autonome Antifa Freiburg“ hat mal wieder hervorragende Recherchearbeit geleistet. Es ist mehr als erschreckend, wie hier staatliches Zusammenspiel mit „Hammerskin“–, „Blood & Honour“–, „Rocker“– und Rechtsterrorismusstrukturen offengelegt wird:

Roland Sokol, geboren am 19.06.1972 und zuletzt wohnhaft In den Schneidergärten 79 in 76307 Karlsbad bei Karlsruhe, war seit Ende der 1980er Jahre einer der Protagonisten der badischen Naziskinhead-Szene. Er starb am 22.09.2015 an Krebs. In pathetischen Nachrufen vor allem auf Facebook-Pinnwänden beklagten seine „Kameraden“ sein Ableben und rühmten ihn als einen der letzten Naziskinheads, der der „Bewegung“ über lange Jahre hinweg treu geblieben sei. Roland Sokols Nazikarriere verlief über seine Sozialisation im Naziskin-Milieu der frühen 1990er Jahre und als Bassist der Szeneband „Triebtäter“, über Hooliganaktivitäten von „Destroyers Karlsruhe“ bis HoGeSa, als Besucher und teilweise Organisator von hunderten Nazikonzerten im In- und Ausland, über Aktivitäten bei der „Karlsruher Kameradschaft“, bei „Blood & Honour“ und der „Endstufe-Crew“ bis hin zu seiner Mitgliedschaft bei den „Hammerskins“. Sokol pflegte regen Kontakt zu hunderten von Bekanntschaften auch überregional und international, darunter dutzende Szenegrößen in ganz Deutschland und war stets auf dem aktuellen Stand der Entwicklungen und Diskussionen der Nazikameradschafts-Szene. Was bisher nicht bekannt ist: Roland Sokol war V-Mann des Verfassungsschutzes.

Kompanielied: „Blut muss fließen“

Abseits seiner Naziaktivitäten verlief Roland Sokols Leben recht ereignislos. Seine Eltern brachen im Jahr 1990 den Kontakt zu ihm ab, nachdem er sich für ein Leben als Naziskinhead entschied: „ich wurde vor 21 Jahren von meinem Vater vor die Wahl gestellt: Entweder Haare normal und Einstellung auch, oder verschwinden. Bin gegangen.“ Seine Zeit bei der Bundeswehr als Panzergrenadier der Kompanie 5./294 in Stetten am kalten Markt behielt der Hauptgefreite Sokol in Erinnerung: „Ich war von Juli ’91 bis Juni ’93 dabei, aber Mannschaftsdienstgrad. Kein Streß und den BCE hab ich da auch gemacht. Der MAD hat ganz schön abgekotzt. Der Großteil der Kompanie dachte rechts. Und: Blut muss fließen von Tonstörung war unser Kompanielied, das haste aus jeder Stube gehört :-) “. Er lernte Offsetdrucker und wechselte in seinen letzten Lebensjahren zwischen Hartz IV und kurzzeitigen Anstellungen als Industriemeister für digitale Druck- und Printmedien hin und her. Zwischenzeitig versuchte er sein unregelmäßiges Einkommen durch den wenig lukrativen Nazi-Onlinehandel „Patria-Versand“ aufzubessern. Nach seiner Trennung 2006 von seiner damaligen Ehefrau Stefanie Sokol, geb. Grün, lebte er meist allein, die gemeinsame Tochter sah er nur sporadisch. Trotz kurzzeitiger Anstellungen in Düsseldorf, Bremen oder der Schweiz blieb die Karlsruher Region sein Lebensmittelpunkt.

Weiter
Siehe auch: Rechtsextremismus in Deutschland: Abschied eines Spitzels
(mehr…)

Blood & Honour – Rechtsrock in Vorarlberg

Mal ein Blick zurück – dieses Mal auf die „Blood & Honour“-Bewegung in Österreich:

Bereits seit Ende der 80er-Jahre existiert in Vorarlberg eine grössere rechtsextreme Skinheadszene. Die Entstehung dieser Szene ist u.a. auf die Lage Vorarlbergs im Dreiländereck und auf Einflüsse aus Süddeutschland zurückzuführen.

Von Beginn an bestanden deshalb gute Kontakte zu Skinheadgruppen in Deutschland, später auch der Schweiz. Die Vernetzung rechtsextremer Skinheads in der Bodenseeregion wurde mit regelmässigen Treffen „institutionalisiert“, die zeitweise in Deutschland, zeitweise in Lustenau (Vlbg.) stattfanden.

In den 90er-Jahren sorgten Vorarlberger Skinheads vor allem durch Übergriffe auf Punks, Linke und ausländische Jugendliche für Schlagzeilen. Kaum öffentlich wahrgenommen wurde dagegen eine extreme Häufung von Bränden in „AusländerInnenwohnheimen“ in Vorarlberg 1993. Bis heute sind einige Brände – teilweise unter dem Einsatz von Molotow-Cocktails gelegt – ungeklärt, die Täter(Innen) nicht gefasst. Die Ermittler verwendeten rasch die Floskel „ausländerfeindliche oder politische Motive sind auszuschliessen.“ Eine von Franz Valandro interviewte Aussteigerin aus der Skinheadszene bestätigt zumindest, dass über Brandanschläge diskutiert wurde: „Diese Treffen (zwischen Vorarlberger, Schweizer und deutschen Faschoskins, Anm.) haben eine Zeitlang regelmässig, ein bis zweimal im Monat, in Lustenau stattgefunden. Da war auch die Rede von Brandstiftungen. Wenn`s in Lustenau dann tatsächlich gebrannt hat, war die Berichterstattung darüber meistens ziemlich dubios.“

Weiter

Bombige Zusammenarbeit

Via „Jungle World“:

1974 wurde während einer antifaschistischen Kundgebung in Brescia eine Bombe gezündet, die acht Menschen tötete und mehr als 100 verletzte. Kürzlich verurteilte ein italienisches Gericht einen Neofaschisten und einen Geheimdienstinformanten wegen ihrer Beteiligung an dem Massaker.

Drei verschiedene Gerichtsverfahren, mehr als ein halbes Dutzend Urteile, zumeist Freisprüche, und schließlich Ende Juli doch noch ein unerwarteter Richterspruch: Carlo Maria Maggi, einst Chef des venezianischen Ablegers der neofaschistischen Gruppierung Ordine Nuovo, und Maurizio Tramonte, seinerzeit Informant des Militärgeheimdienstes SID, wurden für ihre Beteiligung an dem Bombenattentat am 28. Mai 1974 auf der Piazza della Loggia in Brescia zu lebenslanger Haft und Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe verurteilt. Der Sprengstoff war während einer antifaschistischen Kundgebung gezündet worden, acht Menschen wurden getötet, mehr als 100 zum Teil schwer verletzt. Nun sah es ein italienisches Gericht erstmals als erwiesen an, dass Mitglieder neofaschistischer und geheimdienstlicher Organisationen gemeinsam ein Massaker (italienisch strage) verübten, um in der italienischen Gesellschaft ein Klima der Angst und Einschüchterung zu erzeugen und den politischen Einfluss linker und gewerkschaftlicher Bewegungen zurückzudrängen. Somit hat es 41 Jahre gedauert, bis die in der Zeitgeschichte als »Strategie der Spannung« bezeichnete staatsterroristische Kooperation in einem Urteil von der italienischen Justiz anerkannt wurde.

Die breite Öffentlichkeit hatte von dem im Frühjahr eröffneten Verfahren kaum Notiz genommen, auch die Urteilsverkündung im Juli war nur eine kurze Tagesmeldung. Einige ältere Kommentatoren würdigten den Richterspruch zwar als historisch, merkten aber an, dass es wohl zugleich das letzte Urteil in einem Verfahren zu den staatlichen Massakern gewesen sein dürfte. Die Mehrheit der jüngeren Generation Italiens kennt die politische Geschichte der siebziger Jahre ohnehin nur noch aus der popkulturellen Aufarbeitung, wobei in den Kino- und Fernsehproduktionen die Rolle des Staatsapparats eher außen vor bleibt und die Rechten als sympathische Outlaws inszeniert werden. Manlio Milano, dessen Frau zu den acht Todesopfern des Anschlags zählte, beklagte denn auch die Schwäche eines Urteils, das um Jahrzehnte zu spät kommt.

Weiter

Ein rechter Waffenbruder

Die „Stuttgarter Nachrichten“ berichten:

Den Kirchheimer Neonazi Markus Frntic identifizierten ostdeutsche Geheime 1996 als Ku-Klux-Klan-Chef. Der Stuttgarter Deutsch-Kroate war führender Kopf des „Blood & Honour“-Netzwerkes – und unterhielt Kontakte zu Helfern der mutmaßlichen Rechtsterroristen um Beate Zschäpe.

Für die Neonazis muss es ein Riesenspaß gewesen sein: Bei einer Nachtwanderung durch Mecklenburg-Vorpommern seien in weißen Kutten maskierte Kameraden aus Bayern mit Fackeln aus dem Gebüsch gesprungen und hätten ihre spazierenden Gesinnungsgenossen erschreckt. „Eine Mordsgaudi“, erzählt der Spitzel bayrischen Verfassungsschützern. Etwa zur selben Zeit kabelten deren mecklenburgischen Kollegen einen ebenso geheimen wie alarmierenden Bericht an die Geheimen Baden-Württembergs: Am 30. September 1996 warnten sie den Südwest-Dienst vor einer „Ku-Klux-Klan Gruppe aus Stuttgart“, die von Markus Frntic angeführt werde.

Es ist in den Akten nicht erkennbar, dass die Geheimdienstler diesem Hinweis auch nur Beachtung schenkten. Ihr damaliger Präsident konnte sich kürzlich im Landtag auch gar nicht an den geheimen Vermerk erinnern: Offiziell beginnt deren Wissen um die Rassistentruppe erst im Herbst 1998. Dabei war und ist Frntic den Spähern in Stuttgart bestens bekannt. Nicht nur, weil vor der Haustür 45 Jahre alten Deutsch-Kroaten in Kirchheim am Neckar ein bulliger Bundeswehrtransporter steht. Dessen amtliches Kennzeichen offenbart die Gesinnung seines Besitzers: Die „14“ für die „14 Worte“ des US-amerikanischen Rechtsterroristen David Lane wird mit der „88“ für den achten Buchstaben des Alphabets kombiniert: „HH – Heil Hitler“. Es ist ein beliebtes Zahlenspiel der Neonaziszene. Zu dessen führenden Köpfen gehört Markus Frntic.

Der mischt seit den 1990er Jahren Frntic bei „Blood & Honour“ (B&H) mit. Der deutsche Slogan „Blut und Ehre“ war auf den Koppelschlössern von Hitlerjungen eingraviert, später auch auf deren Fahrtenmessern. Im Raum Stuttgarter bildete sich eine Keimzelle der Neonazitruppe. Die hatte sich international agierendes Netzwerk vor allem ein Ziel gesetzt: Konzerte rechter Musikgruppen zu organisieren, diese Musik zu produzieren und zu vertreiben.

Weiter

Der NSU im Netz von Blood & Honour und Combat 18 – Teil 2

„NSU-Watch“ berichtet:

Teil 2: Blood and Honour und seine Flügelkämpfe

Das Milieu von Blood & Honour Chemnitz

Für B&H in Sachsen waren Musik und Kampf zwei Seiten einer Medaille. Die Sektion B&H Sachsen bestand aus Blood & Honour Chemnitz plus einzelner Mitglieder im Raum Dresden und Riesa. Wie anderen Sektionen ging es auch B&H Sachsen nicht darum, möglichst viele feste Mitglieder zu sammeln. Dies hätte den elitären Charakter der Organisation aufgeweicht. So bauten B&H-Sektionen Vorfeldorganisationen auf. In Thüringen, Sachsen und Brandenburg entstand die White Youth als „offizielle“ Jugendorganisation von B&H.

In Westsachsen bildeten die Skinheads Chemnitz 88 das Scharnier von B&H zur Jugendkultur. Die Skinheads Chemnitz 88 integrierten Nachwuchs und Umfeld. Sie verbanden Skinheadkult, Fußball und Partys mit einer neonazistischen Identität. Denjenigen, die „das Politische“ der Party vorzogen und nach einem „Aufstieg“ in der Szene trachteten, schlossen sich sukzessive B&H an. Wer brauchbar schien, wurde von B&H angeworben. Die Weiße Bruderschaft Erzgebirge, aus deren Reihen neben André Eminger einige weitere Neonazis kamen, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nach dem Jahr 2000 unterstützten, agierte zwar eigenständig, war aber mit B&H eng verbunden.

So lässt sich ein westsächsisches B&H-Milieu skizzieren, was Ende der 1990er Jahre über den überschaubaren Mitglieder-Kreis hinaus weit über 100 Personen einband. Blood & Honour Chemnitz wuchs zu einer führenden B&H-Struktur in Deutschland. Mehrere Fanzines, die mit dem Label von B&H aus Chemnitz herausgegeben wurden, spiegelten die Dynamik der dortigen B&H Sektion wider. Movement Records florierte, die Konzerte waren stets gut besucht fanden zeitweise alle zwei Wochen statt. Hin und wieder intervenierte die Polizei an den Orten, an denen Konzerte stattfinden sollten, und verbot diese, doch fast immer fanden sich Ausweichorte in regionaler Nähe.

Andere Sektionen hatten es schwerer. Sie waren personell nicht so gut aufgestellt und hatten mit antifaschistischen Kampagnen und Repression zu kämpfen, die ihnen die Räume immer enger machten. Die Berliner Sektion beispielsweise musste bis nach Vorpommern ausweichen, um ungestört größere Konzerte durchzuführen.

Die ChemnitzerInnen waren immer weniger bereit, sich den Anweisungen der Bundesführung aus Berlin zu beugen. Angeblich nachdem die Divisionsleitung Geld von Movement Records einforderte, dieses aber nicht erhielt, kam es 1998 zum Bruch. Blood & Honour Sachsen trat aus. Für die Chemnitzer AktivistInnen änderte sich wenig. In Westsachsen lief alles weiter wie bisher, und Gelder, die die Konzertkasse und Movement Records zu verteilen hatten, schienen ihnen in den eigenen Taschen und bei den untergetauchten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt besser aufgehoben zu sein als in der Divisionskasse.

Weiter

Das Ende der Einzeltäter-Theorie

Der „Freitag“ schreibt:

Oktoberfestattentat mehrere Personen beteiligt? Geheimdienstakten könnten aufklären

Das Ende der Einzeltäter-Theorie
Tote werden nicht lebendig, aber die Angehörigen wollen die Wahrheit wissen

Zehn Monate sitzt Udo Albrecht bereits wegen mehrerer Banküberfälle in Untersuchungshaft, als der Rechtsterrorist Ende Juni 1981 vor der Staatsanwaltschaft auspackt. Den Ermittlern gibt er zwei Waffenverstecke seiner sechsköpfigen Nazihorde „Wehrsportgruppe Ruhrgebiet“ preis, in München und Dortmund. Und er erzählt etwas von einer Panzerfaust, die in einem dritten Depot nahe der innerdeutschen Grenze an einer Bahnlinie versteckt sei.

Während die Polizei in den ersten beiden Depots Waffen und Sprengstoff sicherstellt, kann sie das dritte Versteck nicht finden. Schließlich gehen die Ermittler auf das Angebot Albrechts ein, wonach er sie unter Bewachung dorthin führen würde. Am 29. Juli fährt der Neonazi mit einem ganzen Tross von Justiz- und Polizeibeamten an den Grenzabschnitt mit der Bahnlinie. Die Bewacher nehmen ihm die Handschellen ab und drücken ihm eine Schaufel in die Hand. Als ein Zug kommt, läuft Albrecht plötzlich über die Gleise Richtung Grenzzaun. DDR-Grenzer öffnen eine Tür, der Rechtsterrorist springt hindurch. Als seine Bewacher ihm folgen wollen, werden sie von den DDR-Soldaten mit vorgehaltener Waffe gestoppt.

Die filmreife Flucht von Albrecht, der eine der maßgeblichen Kräfte in der rechten Terrorszene Westdeutschlands war und Kontakte zu Nachrichtendiensten hüben und drüben der Mauer pflegte, gehört zu den vielen bis heute rätselhaft gebliebenen Vorgängen im deutsch-deutschen Geheimdienstkrieg. Mehr als drei Jahrzehnte später könnte nun aber ein wenig Licht ins Dunkel kommen. Die Bundestagsfraktionen von Linke und Grünen haben jetzt eine gemeinsame Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Mit ihr wollen sie erreichen, dass die Bundesregierung darüber Auskunft geben muss, welche Informationen V-Leute deutscher Geheimdienste über den Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest am 26. September 1980 hatten. Ob auch Udo Albrecht ein V-Mann war oder seine Informationen von einem Spitzel abgeschöpft wurden, ist allerdings nicht bekannt – seit einer Reise in den Libanon vor rund 30 Jahren gilt der Rechtsterrorist als verschollen. Es kann sein, dass er damals in den Untergrund ging oder von einem Geheimdienst mit einer neuen Identität ausgestattet wurde.

Weiter

Der NSU im Netz von Blood & Honour und Combat 18 – Teil 1

Via „NSU-Watch“:

Dieser Artikel wird aufgrund seines Umfanges in vier Teilen im jeweiligen Abstand von wenigen Tagen auf nsu-watch.info veröffentlicht. Er bietet mit Fokus auf das Unterstützungsnetzwerk des NSU einen umfassenden Überblick über die Erkenntnisse antifaschistischer Recherche zum neonazistischen Netzwerk Blood & Honour und seinen terroristischen Strukturen wie Combat 18.

Teil 1: Die Unterstützung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt durch Blood and Honour in der Anfangsphase

So sehr sich Sicherheitsbehörden und die Bundesanwaltschaft an die Legende klammern, der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) sei ein auf sich alleine gestelltes „Trio“ gewesen – die Erkenntnisse der letzten Jahre zeichnen ein anderes Bild. Der NSU war Bestandteil eines weitverzweigten Netzes von AktivistInnen, die eines verband: Das Selbstbild der „politischen Soldaten“, die sich in der Pflicht sahen, den „nationalen Kampf“ bis zum Äußersten zu führen. Das Netzwerk Blood & Honour und das von ihm protegierte Konzept des „Leaderless Resistance“ spielte darin eine wesentliche Rolle. In Kreisen von Blood & Honour fanden Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Bestätigung, Rückhalt und konkrete Unterstützung für ihr Leben im Untergrund. Ohne Blood & Honour hätte der NSU – zumindest in dieser Form – nicht entstehen und agieren können.

Weiter

Der Düsseldorfer Wehrhahn-Anschlag

Die „Lotta“ schreibt:

Ein Rück- und Ausblick (fast) 15 Jahre danach

Gerade einmal 1.800 Zeichen Text sind bei „Wikipedia“ über den Sprengstoffanschlag vom 27. Juli 2000 auf dem S-Bahnhof Wehrhahn im Düsseldorfer Stadtteil Flingern zu finden: „Mit TNT gefüllte Rohrbombe“, „zehn Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt“, „bislang unbekannte Täter“, „fremdenfeindliche oder antisemitische Motive nicht ausgeschlossen“, da es sich bei den „Opfern um Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion handelte, sechs mit jüdischem […] Hintergrund“, formuliert die Online-Enzyklopädie die Erkenntnis-Fetzen. Über einen Zusammenhang mit der Mord- und Anschlagsserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) lägen, heißt es hier, „keine sicheren Erkenntnisse“ vor.

Weiter

Der Freund des Terroristen

Der „Blick nach Rechts“ berichtet:

04.03.2015 – Im NSU-Verfahren muss am Donnerstag ein einflussreicher sächsischer Neonazi erscheinen. Er verfügt bis heute über Kontakte ins Helferlager.

Obwohl Zeuge für Zeuge aus dem Chemnitzer Neonazi-Milieu im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München mit Erinnerungslücken und Ablehnung aufwarten, ist deutlich geworden, dass die braunen Helferseilschaften von einst den Kontakt untereinander bis heute halten. Längst als das Jenaer Trio 1998 in Sachsen untertauchte, galt Chemnitz als „Mekka“ der rechten Musikszene. Internationale braune Szene-Stars spielten auf konspirativen Konzerten. Es ging nicht nur um viel Geld, sondern auch um Militanz, Waffen und Untergrund. Die meisten Neonazis, die Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in der Illegalität halfen, gehörten zu „Blood&Honour“, der Chemnitzer Kameradschaftsszene oder mutmaßlich zum dortigen „Heimatschutz“. Bereits einige Jahre zuvor hatte vor allem Mundlos unter den führenden Chemnitzer Köpfen seine politischen Masterminds gefunden.

Routiniert sagen die damaligen Fluchthelfer heute nur das Nötigste aus. Für Donnerstag ist der 39-jährige Hendrik Lasch in den Zeugenstand geladen. Der smarte Bartträger mit Brille gilt als einer der einflussreichsten rechtsextremen Drahtzieher in Sachsen. Lasch stand nicht nur „Hammerskins“ und „Blood&Honour“ nahe, sondern auch der regionalen Rocker-Szene. Seit mindestens 1994 war er persönlich mit dem NSU-Terroristen Uwe Mundlos aus Jena befreundet. Gemeinsam mit Kameraden fuhren die beiden bereits 1994 zu einem Konzert nach Niederbayern.

Weiter

Marcel Schilf-Memorial

Der „Blick nach Rechts“ schreibt:

03.03.2015 – „Blood&Honour“-Skandinavien plant für den 2001 verstorbenen Neonazi und Musikhändler ein Gedenkkonzert mit internationaler Beteiligung, mit dabei ist die deutsche Band „Kraftschlag“.

Für den 14. März kündigt die „Blood&Honour“-Sektion Skandinavien auf schwedischem Boden ein Gedenkkonzert für Marcel Schilf an. Der 2001 an einer Stoffwechsel- und Hautkrankheit verstorbene Aktivist genießt in der militanten rechten Szene Heldenstatus, insbesondere im internationalen Netzwerk der besagten Rechtsrock-Bewegung und dessen terroristischem Ableger „Combat 18“. Auch altbekannte Musikgäste aus Deutschland werden an dem Samstag zu dem Event erwartet.

Schilf, geboren 1972 in Brandenburg, besaß die dänische Staatsbürgerschaft und baute mit dem Valhalla-Club im schwedischen Helsingborg einen wichtigen Verbindungsort für den von B&H betriebenen lukrativen Musikhandel auf. Dort gab es ein Ton- und Aufnahmestudio, aber auch einen Saal für Konzerte.

Schilf war mit dem Dänen Jesper Hartmann Betreiber des 1994 in Hilleröd bei Kopenhagen aus der Taufe gehobenen Videovertriebs „NS 88“ und des neonazistischen CD-Labels NS Records. Deren Aktivitäten übersiedelten einige Jahre später nach Helsingborg, weil der behördliche Verfolgungsdruck gegen Schilf in Dänemark zu groß wurde. Im Frühjahr 1999 liefen die Machenschaften dann über die konspirativ agierende B&H-Sektion Skandinavien, zu deren Gründern Schilf zählt. Zu dem Zeitpunkt wirkte bereits der international bestens vernetzte, aber meist nur aus dem Hintergrund operierende Erik Blücher aus Norwegen als führender Kopf im Rechtsrock-Business mit. Schilf selbst zog in den kleinen südschwedischen Ort Klippan. Sein dänischer Label-Partner war Jesper Hartmann. In Helsingborg war es dann nach einem Bericht der schwedischen Zeitung „Aftonbladet“ Ronald Schröder aus Berlin, der als Weggefährte von Schilf nach dessen Tod all dessen Geschäfte fortführte.

Zahlreiche der über 100 in den Umlauf gebrachten Videotitel, deren bekannteste Reihe unter dem Namen „Kriegsberichter“ firmierte, stammten von der Initiative „Ainaskin Musiikkii“ aus Helsinki, hinter der Petteri Räesäen steckte. Der andere Schwerpunkt waren meist in Schweden gefilmte Rechtsrock-Konzerte. Die Pressung der Tonträger erfolgte unter anderem in Taiwan, Polen und Tschechien. Die Verbindung von Dänemark nach Helsingborg war nicht dem Zufall geschuldet. Dort residierte bereits das Rechtsrock-Label Wasakaren Ragnarock Records um Hans Himmler Petterson, der mit Blücher zusammenarbeitete.

Weiter

Der Düsseldorfer Wehrhahn-Anschlag – Ein Rück- und Ausblick (fast) 15 Jahre danach

„NSU-Watch NRW“ schreibt:

Gerade einmal 1.800 Zeichen Text sind bei „wikipedia“ über den Sprengstoffanschlag vom 27. Juli 2000 auf dem S-Bahnhof Wehrhahn im Düsseldorfer Stadtteil Flingern zu finden: „Mit TNT gefüllte Rohrbombe“, „zehn Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt“, „bislang unbekannte Täter“, „fremdenfeindliche oder antisemitische Motive nicht ausgeschlossen“, da es sich bei den „Opfern um Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion handelte, sechs mit jüdischem […] Hintergrund“, formuliert die Online-Enzyklopädie die Erkenntnis-Fetzen. Über einen Zusammenhang mit der Mord- und Anschlagsserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) lägen, heißt es hier, „keine sicheren Erkenntnisse“ vor. Und das war es auch schon. Dabei bildete die Tat zweifellos den auslösenden Vorlauf des von Bundeskanzler Gerhard Schröder nach einem Anschlag am 2. Oktober 2000 auf die Düsseldorfer Synagoge ausgerufenen „Aufstands der Anständigen“. Mit Rückbezug auf den Wehrhahn-Anschlag wurden die Debatten über „Fremdenfeindlichkeit“, Antisemitismus und Neonazismus in der Bundesrepublik sowie über ein eventuelles NPD-Verbot weiter angeschoben. Die Medien berichteten weltweit über die Anschläge und die Reaktionen darauf. Die beim Wehrhahn-Anschlag verletzten Opfer leiden noch heute an den Folgen des Anschlages. Grund genug, sich auch jenseits vergangener oder aktueller medialer Konjunkturen das Thema immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Weiter

Der NSU, „The Order“ und die neue Art des Kampfes

Das „Antifa Infoblatt“ berichtet:

Wenn es um die Hintergründe der Morde und Anschläge des NSU geht, schweigen die bekannten Mitglieder und Unterstützer der Terrorgruppe — in Verhören, vor Gericht, gegenüber Journalisten. Niemand spricht. Trotzdem ist der ideologische Kontext des NSU unbestritten, da unter anderem Uwe Mundlos als Täter und André Eminger als mutmaßlicher Unterstützer ihre Gesinnung in mehreren Texten unmissverständlich offen gelegt haben. Eminger fühlte sich offenbar als deutsche Sperrspitze des internationalen „Weißen Arischen Widerstands“. So verantwortete er das Skinzine „Aryan Law and Order“, in dem die rassistische US-Terrorgruppe „The Order“ als Vorbild gefeiert wurde: „Es handelt sich hierbei aber nicht um eine neue Bewegung, die mit den anderen konkurriert. Nein, hier handelt es sich um Elitekämpfer, die aus den besten Leuten der verschiedenen Bewegungen [sic], die schon existierten. … Es ist eine neue Art des Kampfes, einer Unter­grundbewegung.“

Zahlreiche Parallelen zwischen dem NSU und „The Order“ fallen auf. Die US-Terrorgruppe raubte Banken aus, richtete Menschen gezielt hin und benutzte dabei Waffen, die mit Schalldämpfern bestückt waren. So lange ihre Mitglieder unerkannt im Untergrund lebten, bekannte sich die Gruppe nie zu den Taten. Wie „The Order“ fühlte sich der NSU zudem offenbar als eine Art Vorauskommando einer „arischen Befreiungsarmee“, deren Geschichte nach der Vernichtung aller Feinde von den Überlebenden in Ehrfurcht gefeiert werden wird, was die Tatwaffen zu quasi religiösen Reliquien macht. So fand man in einer ausgebrannten Wohnung in Zwickau, die ein Unterstützer für den NSU angemietet hatte, Waffen, die den NSU mit mehreren Morden in Verbindung bringen. Auch im letzten Wohnmobil von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos lagen diverse Beweismittel. Die Mitglieder von „The Order“ hatten ebenfalls die Manie entwickelt, Waffen und andere Gegenstände aufzubewahren, die sie schwer belasteten.

Weiter

Rechter Terror in der antifaschistischen Analyse

Ein sehr wichtiger Beitrag des „Antifaschistischen Infoblattes“ im Rahmen der Analyse des Rechten Terrors:

Im NSU-Komplex gibt es mehrere zentrale Fragen, mit denen sich unabhängige Antifaschist_innen dringender denn je auseinandersetzen müssen, um der bislang sehr wirkmächtigen Erzählung des Generalbundesanwalts, der Geheimdienste und der Polizei entgegen zu treten: Denn Strafverfolger und Geheimdienste propagieren entgegen aller Fakten und einschlägigen Zeugenaussagen unbeirrt den Mythos vom isolierten Trio, von dessen terroristischen und mörderischen Aktivitäten kein einziger der zahllosen Unterstützer_innen informiert gewesen sei, und stellen den NSU-Komplex als ein singuläres, schon jetzt abgeschlossenes Ereignis ohne Wiederholungsgefahr dar.

Um der staatstragenden Erzählung wirksam entgegen zu treten, müssen wir aber nicht nur die erweiterte Einzeltäter-Theorie der Strafverfolgungs- und Geheimdienstbehörden, die in Deutschland seit dem Oktoberfest-Attentat 1981 zum staatstragenden Mantra und Mythos geworden ist, sondern auch unsere eigenen Erzählungen, Analysen und Thesen zu rechtsterroristischen Netzwerken, Strategien und Aktionen der letzten zwanzig Jahre auf den Prüfstand stellen. Nicht nur, weil es beim Streit um die Frage, wer die öffentliche Deutungshoheit über den NSU-Komplex gewinnt — inklusive der Entstehungsgeschichte des NSU-Netzwerkes und der staatlichen Verantwortung dafür — , auch um die entscheidende Frage nach der Anerkennung rechtsterroristischer Gewalt in Deutschland und Rassismus als einer zentralen Ursache von Staatsversagen im NSU-Komplex geht. Sondern, weil es am Ende dieses Streits auch darum gehen wird, aus den Fehlern der eigenen antifaschistischen Analysen seit 1990 zu lernen und so vielleicht zu verhindern, dass wir rechten Terror nochmals nicht erkennen.

Weiter

Protokoll 171. Verhandlungstag – 16. Dezember 2014

Ein Blick in die Berichterstattung von NSU-Watch über den laufenden Prozess lohnt sich regelmässig, da u.a. auch die Hintergründe des neonazistischen Musiknetzwerkes „Blood & Honour“ immer wieder durchleuchtet werden:

An diesem Prozesstag ist erneut Michael Probst geladen, der die Fragen nach Blood & Honour-Sektion Sachsen und zu einer möglichen Unterstützung der drei Untergetauchten mit Nicht-Wissen, verharmlosend oder ausweichend beantwortet. Auch die Rolle seiner Ex-Frau Antje Probst spielt er dabei runter. Als zweiter Zeuge ist ein Richter am Bundesgerichtshof geladen, um zu der „Waffenvorlage“ mit dem Angeklagten Carsten Schultze anlässlich der Eröffnung des Haftbefehls gegen Schultze auszusagen.

Zeugen:

Michael Probst (Ex-Mann von Antje Probst, Erkenntnisse zu Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe und zu B&H Sachsen)
Dr. Ralph Bünger (Richter am BGH, Einvernahme von Carsten Schultze)

Weiter

Der Blog NSU-Nebenklage kommentiert:
„Insgesamt dürfte auch dieser Zeuge geradewegs auf ein Strafverfahren wegen Falschaussage zusteuern. So leugnete er sogar, den Angeklagten André Eminger gekannt zu haben – und das, obwohl seine Ex-Frau bei der Polizei noch von konkreten Geschäftsbeziehungen Emingers zu Probst berichtet hatte und obwohl seine Telefonnummer im Handy-Speicher von Eminger gefunden wurde. Jedenfalls ist die Aussage des Zeugen nicht geeignet, die Angaben des V-Mannes Szczepanski zu den Unterstützungshandlungen von „B&H“ Sachsen und seiner Exfrau in Frage zu stellen.“
http://www.nsu-nebenklage.de/blog/2014/12/16/16-12-2014/< /blockquote>

[Königs Wusterhausen] Neonazis unterwandern Sportverein

„Recherche & Aktion“ berichtet:

Nach uns vor­lie­genden Infor­ma­tionen trai­niert Mike Turau die 2. E-Jugend des Königs Wus­ter­hau­sener Tra­di­ti­ons­ver­eins SC-Blau Weiss Schen­ken­dorf 1931 e.V. Der bran­den­bur­gi­sche Sport­verein beschäf­tigt damit einen lang­jährig aktiven Neo­nazi in der Kinder– und Jugend­ar­beit. Der Unter­wan­de­rung von Sport­ver­einen und Zivil­ge­sell­schaft durch Neo­nazis muss eine klare Absage erteilt werden.

Von „United Skins“ zu den „Freien Kräften“

Der in Königs Wus­ter­hausen (KW) wohn­hafte Mike Turau ist kein unbe­schrie­benes Blatt, son­dern seit vielen Jahren für sein neo­na­zis­ti­sches Enga­ge­ment stadt­be­kannt. Bereits um das Jahr 2000 war er der KWer Neo­na­zi­ka­me­rad­schaft „United Skins“ zuzu­ordnen, die ihrer­seits für Angriffe auf alter­na­tive Jugend­liche, Migrant_innen und Obdach­lose ver­ant­wort­lich gemacht wurde. [1]

Als im Sommer des selben Jahres Carsten Szc­ze­panski, Draht­zieher der lokalen Kame­rad­schafts­szene, als V-Mann des bran­den­bur­gi­schen Ver­fas­sungs­schutzes ent­tarnt wurde, rea­gierte die Szene in KW und Umge­bung mit einigen Jahren der orga­ni­sa­to­ri­schen Schwäche. Aller­dings sollte dies nicht dar­über hinweg täu­schen, dass es in der Region auch in den Fol­ge­jahren noch zu einigen Auf­sehen erre­genden Gewalt­taten kam: Hier seien unter anderem die Molo­to­v­cock­tail­würfe auf ein Roma­l­ager und das anti­fa­schis­ti­sche Fes­tival „Le Monde et a nous“ im Jahre 2001, der Brand­an­schlag auf das Auto eines Poli­zisten und eine, eben­falls im Jahr 2005 durch einen Neo­nazi ver­übte Attacke mit einer abge­bro­chenen Glas­fla­sche auf einen jungen Punk zu nennen. Es sollte klar sein, dass Neo­nazis keine festen Orga­ni­sa­ti­ons­struk­turen benö­tigen, um ihr men­schen­ver­ach­tendes Welt­bild in die Tat umzu­setzen, auch wenn staat­liche Behörden die Gefahr, die von unor­ga­ni­sierten Neo­nazis aus­geht, oft­mals baga­tel­li­sieren.

Weiter

50 Jahre NPD

Das „Antifaschistische Infoblatt“ schreibt anlässlich des 50.Jubiläums der neonazistischen NPD:

Am 28. November 1964 fand die offizielle Gründungsveranstaltung der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) in Hannover statt. Seit 50 Jahren wandelt sich die NPD immer wieder und ist damit auch Gradmesser für Entwicklungen der bundesdeutschen extremen Rechten insgesamt geworden — ein Rückblick.

Keine 150 Delegierten sind am ersten Novemberwochenende 2014 nach Weinheim in Baden-Württemberg gekommen. Auch für ihren 35. Ordentlichen Parteitag musste die NPD bis zuletzt die Nutzung der Tagungshalle vor Gericht erkämpfen. Die kurzfristige Einladung zeigt auch bei den geringen Delegiertenzahlen ihre Folge. Eigentlich sollte der Parteitag in Weinheim eine Feier der 50-jährigen Geschichte der NPD werden, doch der innere Zustand der Partei, ein laufendes Verbotsverfahren und ihre geringe politische Bedeutung sind kaum eine gute Grundlage für eine wirkliche Feier. Dennoch prangt auf der Bühne in Weinheim groß die Aufschrift: „50 Jahre Kampf für Frieden, Freiheit und Souveränität“. Am Ende wählen die anwesenden Delegierten den Saarländer Frank Franz zu ihrem neuen Vorsitzenden und zeigen damit auch ihren Wunsch, die NPD weiter in ihrer Außendarstellung zu verbürgerlichen und so nach einer Radikalisierungsphase wieder den Weg in die „Mitte der Gesellschaft“ beschreiten zu wollen. Dabei zeigt ein Rückblick starke Unterschiede in der Entwicklung und Ausrichtung der NPD, die oft aber ähnliche Funktionsweisen der Partei deutlich machen.

Weiter