Archiv der Kategorie 'Hedonismus, Popantifa, "Koksen-Kiffen-Kommunismus"...'

»Es geht heute nur noch um das Wochenende«

Eine Leseempfehlung der Oire Szene Redaktion:

Band-Reunions, Wiederveröffentlichungen, Remakes, Samplings und Nostalgie-Shows: Die Musikindustrie hat die Vergangenheit als Ressource entdeckt. Längst verstellt das wuchernde Archiv dem Pop die Zukunft, warnt der britische Kulturtheoretiker SIMON REYNOLDS in seinem Buch »Retromania« und beklagt, dass der Popkultur das Versprechen von Originalität, Innovation und Subversion abhanden gekommen sei.

Die These Ihres Buches »Retromania« lautet, Pop sei in der Retro-Falle gefangen. Sie ­schrei­ben, dass Retro beinahe von Anfang an ein Moment von Pop gewesen sei. In den letzten Jahren habe die Ausschlachtung der Vergangenheit das progressive Moment im Pop jedoch nahezu erstickt. Woran liegt das?

Ich denke, dass mehrere Faktoren für diese Entwicklung verantwortlich sind. Zum einen wäre da die Breitband-Internet-Technologie zu nennen. Ein Phänomen wie Filesharing wurde dadurch erst ermöglicht, und Youtube konnte entstehen – als ein gigantisches Pop-Archiv, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit verbinden. Popgeschichte ist heute nicht nur leichter zugänglich, sie hat über die Jahrzehnte auch immer mehr Material hervorgebracht. Für heutige Künstler ist es einfach verlockend, in diesem noch weitgehend unerschlossenen Gebiet das Vergessene und Obskure aufzuspüren. Man fühlt sich wie ein Entdecker. Das ist sehr spannend, aber es ist dennoch lediglich eine Reise in die Vergangenheit.

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11.10.2012 @ Kulturny Dom B31, Leipzig. Frank Apunkt Schneider mit „Deutschpop, halt´s Maul!“

Eine Veranstaltungsempfehlung:

Deutschpop, halt’s Maul!
Für eine Ästhetik der Verkrampfung …

Popkultur war vielleicht das wichtigste Reeducation-Programm, das die Alliierten auflegten. Sie überschrieb deutsche Kultur und entfremdete die Kids von Scholle und Volksgemeinschaft. Popmusik auf Deutsch war daher lange Zeit undenkbar. Erst mit Punk entstanden deutsche Texte, die sich zur Kolonialisiertheit durch Pop bekannten. Und als aus der guten alten BRD wieder hässliches neues Deutschland geworden war, verstärkten Bands wie Kolossale Jugend oder die frühen Blumfeld (nicht zu verwechseln mit den späten) die Dissonanzen. Ihre Sperrigkeit war eine Abfuhr ans neu verordnete Wir-Gefühl. Aber in ihrem Windschatten entstand eine neue Generation, die endlich ganz unverkrampft deutsch singen wollte. Tomte, Kettcar oder Klee sangen (noch…) nicht für Deutschland, aber ihr kleinbürgerlicher Gemütsindiepop passt gut zum Entkrampfungsbefehl der Berliner Republik.

An das, was dafür aufgegeben wurde, will der Vortrag erinnern, indem er vom »Fremdwerden in der eigenen Sprache« (NDW) erzählt, von der Materialästhetik der Verkrampfung (Hamburger Schule), von der unglaublich seltsamen Unmöglichkeit deutscher Popaffirmation (Schlager) und natürlich von der Hässlichkeit des Unverkrampften.

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Alles Pop, Ende Pop

Alles ist Pop, sagen die einen. Pop ist tot, sagen die anderen. Und natürlich gibt es die Dritten, die den küchendialektischen Dreischritt beherrschen und schnell erkennen: Wenn alles Pop ist, ist Pop tot. Diese Figur ist mehr als bloß eine Phrase; sie bezeichnet die fundamentale Dynamik dessen, was seit rund zweihundert Jahren ’Kultur’ genannt wird und dem seit fünf Jahrzehnten eben das Präfix ’Pop’ vorgeschoben wurde. Es geht also um eine grundsätzliche Bewegungslogik, die in der Popkultur ihren Ausdruck findet, es geht um das Verhältnis von Geschichte und Mode. Versuche, etwa den Todeszeitpunkt und –ort des Pop zu bestimmen, sind also bloß exemplarisch.

Früher gab es einmal den Spruch: Janis Joplin ist tot, Jimi Hendrix ist tot, Elvis ist tot und mir ist auch schon ganz schlecht; heute können wir aktualisieren: Aaliyah ist tot, Elliott Smith ist tot, Michael Jackson und so weiter – aber würden wir unbedingt sagen, dass uns auch schon ganz schlecht sei? Ist es nicht so, dass das Sterben in der Popkultur uns seit einiger Zeit eine Sicherheit gibt, selbst noch am Leben zu sein?

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Party against the System!!

An dieser Stelle verweisen wir auf einen amüsanten Artikel aus der „Phase 2″ aus dem Jahr 2007 zum Thema Partypolitics. Trifft die Problematik immer noch und zum Beginn des Wochenendes durchaus lesenswert:

Von wegen die Bewegung ist tot! Es bewegt sich so einiges und so einige und unbesiegbar zusammen und fast bis zur Erschöpfung. Auch ich bewege mich, bin getrieben von revolutionärer Sehnsucht, vom Drang niemals still zu stehen und habe mich vollkommen der großen wunderbaren Sache verschrieben. Mein ganzes Leben widme ich der Revolution und dem politischen Aktivismus, jeden Tag und mit jedem Schritt. Bei mir ist jegliche Bedürfnisbefriedigung eine avancierte Kritik an den Verhältnissen, jeder Akt des Konsums umstürzlerischer Aktivismus. Ich halte es da ganz mit Emma: ?Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution!?. Und ich gehe sogar noch weiter, die Party selbst ist bereits revolutionär.

Insbesondere am Wochenende haue ich dem System dermaßen in die Fresse, dass es sich noch benebelt von den Schmerzen schon ärgert, dass es selbst dafür war, beim Zahnersatz Zuzahlungen zu verlangen. Es freut mich dann umso mehr, dass das System jetzt wohl mit Omas schlecht sitzender Prothese rumlaufen muss, die es ihr in einem ihrer vielen unachtsamen Momente mit gewohnter Skrupellosigkeit stibitzt hatte. Jetzt sieht es einfach noch beschissener aus und niemand wird es mehr ernst nehmen. Derweil das System verschüchtert in der Ecke steht und versucht durch seine falschen Zähne nicht allzu sehr zu sabbern, schlürfe ich einen Soli-Cocktail auf einer Soli-Party der Autonomen Antifa und kicke damit auch noch irgendeinem fiesen Neonazi in seinen faschistischen Arsch.

Es ist Freitagabend, es laufen angesagte Pop-Hits; keine Nazis, keine Hunde, da ist die bessere Gesellschaft ja nicht mehr weit. Während ich so gegen rechts saufe und mit jedem Schluck die Entnazifizierung voranspüle, halte ich nach meiner Bezugsgruppe Ausschau und nach vielversprechenden Jungrevoluzzern, die ich noch rekrutieren könnte. Durch die dichten Rauchschwaden erkenne ich hinten vor der liebevoll mit aufständischen Flyern dekorierten Klowand schemenhaft meine Politgruppe. Gemeinsam solidarisieren wir uns jedes Wochenende mit von Abschiebung bedrohten Flüchtlingen, Kopenhagener HausbesetzerInnen, chiapanekischen KleinbäuerInnen, spanischen Anarchafeministinnen, linken Zeitungsprojekten, queeren Electrohäschen, diversen Antifas und sonstigen revolutionären Zusammenkünften, die auch ordentlich was gegen das System haben. Unsere Solidarität ist international, antinational und nahezu grenzenlos. Manchmal hat aber auch Solidarität ihre Grenzen, meistens so ab 4 Euro Eintritt.

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Willkommen im Zombiecasino!

Rotfuchs und Egon Krenz sind der Beweis: Die ostdeutsche Staatslinke hat schlechten Geschmack. Als guter Staatsverwalter machen sie sich aber ihre Gedanken und ihre Sache. Abseits dieser Linken gab es einst eine an Idealen wie Independent, DIY und Subversion orientierte Kulturlinke, deren Bastionen in erster Linie Musikzeitschriftenredaktionen, AJZs, Squats und Fahrradwerkstätten waren, deren Irrelevanz aber mehr und mehr zu Tage tritt.

Popdiskurse funktionierten, solange Mindeststandarts gewahrt werden konnten. Wer die richtigen Musikzeitschriften las, wusste z.B., dass die Onkelz Dreck sind und Techno manchmal gar nicht so doof ist. Das Hefte wie Spex nur die bessere Konsumberatung abliefern, merkten einige schon in den 90er Jahren an. Doch der Vorwurf der „fat bitch“ kam von Leuten wie ec8or auf, die ihren subversiven Sinn im Erstellen der Begleitmusik für schmissige Scherbendemos fanden. Im Übrigen: je tiefer die Provinz, umso irrelevanter diese Diskurse überhaupt.

Mit dem Einzug der NPD in den sächsischen Landtag erlebte allerdings die Popantifa ihren bis dato letzten Frühling. Kampagnen wie „Schöner leben ohne Naziläden“ oder „Good night white pride“ versuchten Subkultur noch einmal links zu wenden. Ein Anliegen, das die Kampagneros zunehmend selbst zum verzweifeln bringt. Zu Recht.

Die Illusionen der kulturellen Wirkungsmacht rühren aus der Zeit voller alternativer Jugendzentren her und der gerade im Osten unkomplizierten Aneignung geschlossener Räume. Elendsverwaltung in Eigenregie ist die Devise.

Doch misslingt zunehmend sogar der so hochgehaltene antifaschistische und antisexistische Abwehrkampf, wenn aus Gründen der Rentabilität oder des Darniederliegens des Ehrenamtes der eine oder andere Fascho oder Macho ungeschlagen zu Gast sein darf. Trotzdem werden Antifaflyer immer noch in Jugendzentren ausgelegt und meist ausschließlich dort und die Veranstalter wünschen sich Bands mit der „richtigen Einstellung“.

Anspruch und Kundenfreundlichkeit treten immer weiter auseinander und nicht nur das. Auch die Wirklichkeit hinter den Kulissen ist nicht gerade zum Anbeißen. Der Verwertungszwang herrscht allerorten unumschränkt, wo nicht gerade ein Tässchen Kulturfördermittel den Zustand etwas abmildert.

Welchen Zweck hat also die Tätigkeit eines Alternativen Jugendzentrums heute, wenn die Szene „ein Zombie“ ist?

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Zum anhören: Teil 1 und Teil 2

Alle Lust will Ewigkeit: Über »Hedonismus« als linke Ideologie der Selbstbefreiung

Eine Leseempfehlung der Oire Szene Redaktion zum Thema Hedonismus aus der „Phase 2″:

In seinem 1891 erschienen Essay Der Sozialismus und die Seele des Menschen schreibt Oscar Wilde: »Einen kotigen Straßenübergang bei scharfem Ostwind acht Stunden im Tag zu fegen ist eine widerwärtige Beschäftigung. Ihn mit geistiger, moralischer oder körperlicher Würde zu fegen scheint mir unmöglich. Ihn freudig zu fegen wäre schauderhaft«.(1) Wildes Arbeitskritik, die zu einer Zeit formuliert wurde, in der sich Marxisten, Sozialisten und Kommunisten aller Couleur in ihrer Verherrlichung von (körperlicher) Arbeit einig waren, scheint heute zumindest in Teilen der Linken angekommen zu sein. Man findet, wie Wilde, an körperlicher Arbeit »ganz und gar nichts Würdevolles«.(2) Nun hat sich seit dem ausgehenden (19). Jahrhundert und der Hochphase des industriellen Kapitalismus einiges verändert. Die Gegenwartsgesellschaft ist zwar ökonomisch nach wie vor über Wert und Arbeit vermittelt, aber die Formen, in der die doppelten freien LohnarbeiterInnen an der Wertschöpfung werkeln, haben sich gewandelt. Körperliche Arbeit, wie sie zu Wildes Zeiten noch große ArbeiterInnenmassen quälte, ist zwar nicht verschwunden, jedoch auf einem scheinbar unaufhaltsamen Rückzug – zumindest im hoch technisierten »Westen«. Nichts destotrotz hat sich am universellen und internalisierten Arbeitszwang kaum etwas geändert, auch wenn dieser im Lichte der technologischen Entwicklung und der tatsächlich immer prekärer werdenden Möglichkeiten, sich durch Lohnarbeit zu reproduzieren, immer absurder erscheint.(3)

Teile einer progressiveren Linken(4) haben darauf reagiert, als sie begannen, dem blinden Aktionismus der 1980er und 90er Jahre abzuschwören und sich stark auf Theoriearbeit zu fokussieren. Sie haben im Zuge dieser prinzipiell begrüßenswerten und historisch konsequenten Entwicklung auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen, sozialisationsbedingten Unterworfensein unter gesellschaftliche Imperative geführt – und sich kritisch vom traditionslinken Arbeitsfetischismus distanziert. Zugleich jedoch handelte es sich dabei vor allem um eine inhaltliche Distanzierung. Die Form der eigenen Tätigkeit wurde und wird eher selten reflektiert. Man ist nach den subkulturellen Erfahrungen und Debatten der vergangenen Jahrzehnte freilich schlauer geworden und macht sich weniger Illusionen über das eigene Nischendasein, das dem gesamtgesellschaftlichen Arbeitsimperativ eben genauso wenig zu entkommen vermag wie die einzelnen Individuen ihrer entsprechenden Sozialisation. Und doch reproduziert man die gesellschaftlich gültigen Muster von intellektueller Produktion häufig unreflektiert – sei es im Verfassen von Texten wie diesem, dem Editieren von Zeitschriften wie dieser oder der Organisation von Veranstaltungen. All dies konsumiert Zeit und menschliche Arbeitskraft, ohne dass über deren Entlohnung auch nur nachgedacht wird.

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Siehe auch

Bis zur Revolution… Gedanken zum Hedonismus

Einen interessanten Radiobeitrag zum Thema „Hedonismus“ gibt es von Radio Corax Halle zum online hören:

Nicht selten ist das, was als links und revolutionär angepriesen wird, vom selben Arbeits- und Konkurrenzfetisch geprägt wie im Bestehenden. Für einige bleibt da nur noch der Rückzug aus den praktischen Zusammenhängen ins Reich der reinen Kritik, aus dem heraus sich ab und an in einer hedonistischen Party gegönnt wird. Nicht die schlechteste Idee, findet Sebastian Tränkle, der hier in den nächsten Minuten (auch) zu Wort kommen wird. Für Tränkle verlangt dennoch die Kritik Reflexion auch in Bezug aufs Feiern. Wird der Abschlag nämlich fürs Ganze genommen, dann ist auch die Suche nach dem guten Leben nur die Einrichtung in den jämmerlichen Gegebenheiten des Kapitalismus.
Ein Collage zum Hedonismus als Ideologie der Selbstbefreiung


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Punkrock statt „Koksen-Kiffen-Kommunismus“?

Da sich Teile der sogenannten Popantifa bzw. der aktuelleren Variante – der „Koksen-Kiffen-Kommunismus“– Fraktion – kaum mehr für Subkultur mit linksradikalen bzw. sozialkritischen Inhalten zu interessieren scheinen, sondern stattdessen nur noch sinnentleerte Partys abfeiern (die Oire Szene Redaktion feiert selbstverständlich auch gerne – uns geht es an dieser Stelle jedoch um eine Kritik an der ganzen „Ballermann-Antifa-Mentalität“), Drogen ohne Ende konsumieren und jegliche antisexistischen Standards fallen lassen, werden wir uns an dieser Stelle in regelmäßigen Abständen auch mit der innerlinken Entwicklung der verschiedenen sub- bzw. jugendkulturellen Strömungen (selbst-)kritisch auseinandersetzen. Zunächst ein Zitat vom Jungle World Schreiberling Jesse Björn Buckler:

Sich in einer drogenorientierten Partykultur grundsätzlich Rauschmitteln zu verweigern, gilt dem linken Flügel der drogenfreien Straight-Edge-Bewegung als symbolischer Ausdruck des Unwillens, »äußeren Kräften zu erlauben, dein Leben zu kontrollieren«, wie es im »Antifa-Straight-Edge Manifest« von 2001 voller Pathos heißt. Und das gelte »nicht nur für Drogen, sondern auch für Konzerne, PolitikerInnen, Bullen, deine Eltern – was auch immer sich in den Weg eines selbstbestimmten Lebens stellt. Es ist ein Ausdruck dafür, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen«, schreiben die Straight-Edger, als sei ein Rausch kein selbst gewählter Zustand, sondern eine verschwörerische, manipulative Unterdrückung revolutionärer Subjekte.

Doch noch armseliger als dieser naive Straight-Edge-Quatsch ist die »Koksen-Kiffen-Kommunis­mus«-Fraktion der radikalen Linken mit ihrem betont hemmungslosen Hedonismus. Bei näherer Betrachtung wird klar, dass es sich wie beim Straight Edge lediglich um einen weiteren subkulturellen Lebensstil handelt. Das Hardcore-Punkkonzert wird hier gegen ein Wochenende auf Drogen im Technoclub eingetauscht. Im Mittelpunkt steht das Lustprinzip mit dem »Recht auf Rausch«. Beim »Raven gegen Deutschland« wird zwar betont, dass man eigentlich doch noch etwas mehr will als nur gutes Koks, doch zur Solidarität mit dem eigenen kriminalisierten Koksdealer reicht es dann doch nicht. Wird der Genuss von Drogen zum subversiven Hedonismus verklärt, wird verdrängt, dass andere dafür einen viel höheren Preis zahlen müssen als die hedonistischen Endverbraucher. Schließlich sind Drogenkartelle nicht gerade für humane Angestelltenpolitik bekannt.

Teile der hedonistischen Linken entschuldigen das gerne mit dem bequemen Hinweis, dass es kein »richtiges Leben im falschen« (Theodor W. Adorno) gebe, und ignorieren, dass es sehr wohl »ein richtigeres Leben« (Peter Brückner) auch unter den Zwängen des Kapitalismus geben kann. Es kommt eben auf die Orientierung im Alltag an. Dazu gehört auch der reflektierte, kritische Konsum, der freilich immer eine Frage des Budgets ist.

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